Rückbau von Kernkraftwerken – Fragen & Antworten

1. Welche Möglichkeiten gibt es, ein Kernkraftwerk zurückzubauen?

Bei der Stilllegung eines Kernkraftwerkes  stehen zwei Varianten zur Auswahl: der unmittelbare Rückbau oder der so genannte „sichere Einschluss“. Beide Varianten sind bereits erfolgreich realisiert worden. Ihnen ist gemeinsam, dass der Brennstoff nach einer Abklingphase von 5-7 Jahren aus der Anlage entfernt und in Transport-Behälter in einem Zwischenlager am Standort gelagert wird. So sind 99 % des Aktivitätsinventars aus der Anlage entfernt. Zudem müssen beide Varianten atomrechtlich genehmigt werden.

Der unmittelbare Rückbau ist die häufigste Form des Rückbaus. Hier erfolgt der Abbau der Anlagen direkt nach Erhalt der Stilllegungsgenehmigung. Vorteil: Das Kraftwerksgelände steht schneller für eine Nachnutzung zur Verfügung. Bei dieser Methode werden die radioaktiv belasteten Teile des Kraftwerks so weit wie möglich dekontaminiert, also von potenziell gefährlichen Verunreinigungen gesäubert. Parallel kann der Rückbau der konventionellen Anlagenteile wie beispielsweise des Kühlturms beginnen.

Die zweite, seltener verwendete Variante ist der „sichere Einschluss“. Dabei lässt man die Anlage mit dem Ziel der Verringerung der Radioaktivität durch natürliches Abklingen zunächst „sicher eingeschlossen“. Innerhalb dieser meist Jahrzehnte dauernden Periode klingt die radioaktive Strahlung im Inneren des Kraftwerks zu einem großen Teil ab. Vorteil: Die Anlagen können nach Ablauf der Frist mit wesentlich geringerem Aufwand zurückgebaut werden.Beide Varianten sind vom Atomgesetz her gleichberechtigt.

2. Wie lange dauert ein Rückbau?

Der Rückbau eines Kernkraftwerks ist generell deutlich aufwändiger als der Rückbau herkömmlicher industrieller Anlagen. Der Umgang mit zum Teil radioaktiv belasteten Materialien und Anlagenteilen erfordert eine gründliche Planung, spezielles Gerät und ausgebildetes Personal. Es sind strenge gesetzliche Auflagen einzuhalten. Die Arbeiten werden durch Aufsichtsbehörden und Gutachter kontinuierlich begleitet und überwacht. Das ist bei Planung und Durchführung des Abbaus zu berücksichtigen.

Bei einem unmittelbaren Rückbau muss – inklusive der notwendigen Genehmigungsphase – mit einer Dauer von mindestens 15 bis 20 Jahren gerechnet werden. Bei Leistungsreaktoren zur Stromerzeugung  ist davon auszugehen, dass die Nachbetriebsphase, in der der Brennstoff abkühlt und in Transportbehälter verpackt wird, 5 bis 7 Jahre dauert. Daran schließt sich nach Erhalt einer Stilllegungsgenehmigung eine Rückbauzeit von 10 bis 15 Jahren für den nuklearen Teil der Anlage bis zur Entlassung aus dem Atomgesetz an. Schließlich erfordern die konventionelle Beseitigung der verbliebenen Gebäudestrukturen und die Rekultivierung etwa zwei Jahre. Sind mehrere Kraftwerksblöcke zurückzubauen oder können Teilbereiche erst später abgerissen werden, weil sie in der Rückbauphase noch benötigt werden, kann es auch länger dauern.

Im Falle des „sicheren Einschlusses“ verlängert sich der Gesamtzeitraum auf 40 bis 45 Jahre, da zunächst das Abklingen eines Teils der radioaktiven Strahlung im Inneren des „sicher eingeschlossenen“ Kraftwerks abgewartet wird. Die genaue Dauer ist von der Bauart des Kraftwerks abhängig. Nach Ablauf dieser Frist ist mit mehreren Jahren Rückbauzeit zu rechnen.

3. Wie läuft der Rückbau genau ab?

Zunächst müssen Genehmigungsverfahren mit Beteiligung der Öffentlichkeit durchgeführt werden. Dabei werden konkret z. B. zeitlich gestaffelt mehrere Teil-Genehmigungen beantragt. Sinn dieser Staffelung ist es, die Erfahrungen und Lerneffekte vorheriger Stufen in spätere Genehmigungen einfließen zu lassen. Der Rückbau erfolgt daher – nach Vorliegen der jeweiligen Genehmigungen – in mehreren Schritten: Zunächst werden nicht kontaminierte Teile der Anlage, z.B. Maschinenhäuser, weitestgehend auf konventionelle Weise zurückgebaut. Anschließend werden radioaktiv belastete – kontaminierte und aktivierte - Teile im Innern des Kraftwerks demontiert, ggf. dekontaminiert und fachgerecht entsorgt.

Leicht radioaktiv belastete Komponenten erhalten eine chemische und / oder mechanische Reinigung. Nach der Reinigung werden die Bauteile freigemessen und können, wenn die Freigabewerte eingehalten sind, in den Wertstoffkreislauf gegeben werden.

Während des Betriebs stärker belastete Teile, wie z. B. der Reaktordruckbehälter, sind aktiviert. Sie können nicht gereinigt (dekontaminiert) werden. Sie werden vor Ort zerlegt, verpackt und gehen dann in das Bundesendlager Schacht Konrad, wenn dieses fertiggestellt ist. Das Zerlegen dieser Teile erfolgt mit Hilfe von Robotern, zum Teil werden die Arbeiten zur Abschirmung der radioaktiven Strahlung unter Wasser ausgeführt.

Bei der Methode „sicherer Einschluss“ wird der belastete Teil der Anlagen, bei Druckwasserreaktoren das Reaktorgebäude, zunächst für einen festgelegten Zeitraum „sicher eingeschlossen.“ Das bedeutet, dass dieser Bereich von der restlichen Anlage z. B.  durch Abtrennen und Verschließen von Leitungen physisch getrennt und abgeschlossen wird. Der nicht oder nur leicht radioaktiv belastete Außenbereich kann auf herkömmliche Weise zurückgebaut werden. Nach Ablauf der Frist wird der Rest der Anlagen – unter entsprechenden in der Regel vereinfachten Sicherheitsvorkehrungen – demontiert.

Generell gilt: Für jedes Teil, das das Kernkraftwerks-Gelände verlässt und in den Stoffkreislaufzurückkehrt, kann eine Strahlenbelastung ausgeschlossen werden.

4. Wie viel Abfall fällt an?

Durchschnittlich fallen beim Rückbau eines Kernkraftwerks je nach Reaktortyp zwischen 160.000 bis 250.000 Tonnen unterschiedlicher Materialen an. Dabei gilt grundsätzlich: etwa 97 Prozent dieser Materialien können wieder verwendet werden. Die Menge radioaktiven Abfalls liegt bei einem Druckwasserreaktor der 1.200 MW-Klasse bei circa 4.000 Tonnen – wobei für den Abbau nach der Entsorgung der Brennelemente nur noch zwischen schwach- und mittelradioaktiv belasteten Abfällen zu unterscheiden ist. Diese Abfälle werden zur Vorbereitung einer Einlagerung in das hierfür vorgesehene Endlager Schacht Konrad einer speziellen Behandlung zur Konditionierung, z.B. Verpressen zur Volumenreduzierung, unterzogen.

5. Wo kommen die Abfälle hin?

Der größte Teil der Abfälle, die beim Rückbau des Kontrollbereichs anfallen, ist konventioneller Abfall, d. h. er wird – soweit erforderlich – von den radioaktiven Abfällen getrennt und einer herkömmlichen Wiederverwertung z.B. in der Stahlindustrie und im Straßenbau zugeführt. Die verbleibenden rund 4.000 Tonnen an schwach- und mittelradioaktiven Abfällen sollen in das Endlager „Schachtanlage Konrad“ verbracht werden, sobald dies betriebsbereit ist.

6. Gibt es ausreichend Fachpersonal für Rückbau?

Deutschlandweit wie auch bei RWE selbst gibt es hinreichend Erfahrung beim Rückbau von kerntechnischen Anlagen. Ein Großteil der Aufgaben wird von Fachleuten bearbeitet, die auch bei Bau und Betrieb von Anlagen tätig sind. Der eigentliche Rückbau der Anlagen beginnt, sobald die erforderliche Stilllegungsgenehmigung vorliegt. Bis dahin vergehen noch etwa fünf Jahre, so dass sich die Branche wie auch die Herstellerfirmen auf die Situation einstellen können.

7. Wie hoch ist das Risiko für die am Rückbau beteiligten Mitarbeiter?

Sicherheit und Gesundheit der Mitarbeiter stehen an erster Stelle. Alle Arbeiten werden so organisiert und auszugeführt, dass die Strahlenbelastung für das vor Ort tätige Personal so gering wie möglich ist. Sind die Brennelemente aus dem Reaktorbereich abtransportiert, sinkt das radioaktive Niveau um fast 99 Prozent ab. Personal, Arbeitsgeräte und Umgebung werden regelmäßig auf eventuelle Strahlenbelastung untersucht.

8. Wie gefährlich ist der Rückbau?

Der Rückbau von Kernkraftwerken wird von speziell ausgebildetem Personal durchgeführt. Dabei kommen bei Bedarf speziell für diesen Zweck entwickelte Geräte, z. B. Roboter, zum Einsatz. Personal und die Arbeitsgeräte werden kontinuierlich auf eventuelle Strahlenbelastung untersucht. Auch das Abbruchmaterial sowie alle demontierten Anlagen werden vor dem Abtransport auf radioaktive Strahlung geprüft.

Der Rückbau mit den hierfür vorgeschriebenen Sicherheitsstandards und Auflagen wird kontinuierlich durch unabhängige Gutachter und die zuständigen Aufsichtsbehörden überwacht. Die Sicherheit der Beschäftigten und des Kraftwerkumfeldes haben beim Rückbau oberste Priorität.

9. Welche Erfahrungen gibt es mit dem Rückbau von Kernkraftwerken?

In den vergangenen Jahrzehnten wurden in Deutschland bereits mehrere Kernkraftwerke und Versuchsanlagen erfolgreich zurückgebaut. Bundesweit befinden sich eine Reihe von Anlagen im Rückbau.

RWE Power verfügt über langjährige Erfahrungen in diesem Bereich, etwa aus dem abgeschlossenen Rückbau des Versuchskernkraftwerks Kahl in den 1990er Jahren. Derzeit baut RWE Power die Kernkraftwerke in Mülheim-Kärlich und Lingen und in der Endphase den Block A des Kernkraftwerkes Gundremmingen zurück.

10. Welche Kosten fallen beim Rückbau an?

Nach den bisherigen Erfahrungen schwanken die Kosten für den Nachbetrieb und Rückbau eines Kernkraftwerks je nach Größe, Alter und Betriebsstunden der Anlagen zwischen 500 Millionen und 1 Milliarde Euro.

11. Wer trägt die Kosten des Rückbaus?

Die Betreiber der Kernkraftwerke tragen diese Kosten vollständig. Sie sind gesetzlich verpflichtet, Rückstellungen in ausreichender Höhe für den Rückbau zu bilden. Das macht RWE und weist dies auch im Geschäftsbericht aus.

Die Rückstellungen werden während des Betriebs der Anlagen gebildet und sind angemessen bei konservativer Betrachtungsweise bewertet. Sie umfassen die Kosten aller Schritte des Nachbetriebs, der Stilllegung, der Entsorgung der Brennelemente sowie der Entsorgung der radioaktiven Abfälle aus dem Betrieb bis zur Endlagerung sowie bis zum vollständigen Rückbau. Sie werden jährlich anhand laufender Verträge, Gutachten und Aussagen interner und externer Experten aktualisiert und von einem unabhängigen Wirtschaftsprüfer geprüft.