1. Von der Nachkriegszeit bis in die 1960er Jahre

1.2 Kohlekrisen erschüttern die deutsche Volkswirtschaft seit den späten 1950er Jahren

Hatte es noch im Jahr 1951 Versorgungsengpässe gegeben, rückte mit dem zunehmenden Import billigerer Kohle aus Übersee nicht mehr der Ausbau der Kohleförderung, sondern die Protektion heimischer Kohle in den Mittelpunkt. Die Ziele der deutschen und europäischen Kohlepolitik hatten sich damit binnen weniger Jahre dramatisch verändert. Insbesondere deutsche Steinkohle aus den Ruhr-Zechen wurde schon mit Ende der 50er-Jahre immer weniger wettbewerbsfähig. Trotzdem bauten noch 1960 etwa 700.000 Kumpel in den Zechen des Ruhrgebiets knapp 118 Millionen Tonnen Steinkohle ab.

Hohe staatliche Subventionen, welche die Produktion ankurbeln und damit das Wirtschaftswunder befeuern sollten, hatten eine Selbstregulierung des Marktes und überfällige Rationalisierungsmaßnahmen bei den Förderprozessen verhindert. Trotz hoher Schutzzölle setzte sich Erdöl als Brennstoff zunehmend durch und machte dem heimischen Energieträger starke Konkurrenz. Der deutsche Markt für Steinkohle war schon damals längst gesättigt.

Zudem hatte die deutsche Steinkohleindustrie mit natürlichen Wettbewerbsnachteilen zu kämpfen: Die Fördertiefen lagen mittlerweile bei bis zu 1000 Metern, während im Ausland teils in Oberflächennähe abgebaut werden konnte. Geringe Flözstärken, steile Lagerung und viele, kleine Zechen taten ein Übriges. Auch war das Lohnniveau deutscher Bergbauarbeiter im weltweiten Vergleich relativ hoch. Allein im Jahr 1963 wurden daher in Deutschland 13 Zechen geschlossen, tausende Bergleute verloren ihre Arbeit. Über die folgenden Jahrzehnte hinweg mussten Politik und Energiewirtschaft in einem langsamen Prozess nachsteuern, die Steinkohleförderung drosseln und gleichzeitig versuchen, die sozialen Auswirkungen des Strukturwandels zu mildern. Ende der 60er Jahre wurde zu diesem Zweck die Ruhrkohle AG gegründet. Sie war zur geordneten Rückführung des Steinkohlebergbaus ins Leben gerufen worden, sollte aber gleichzeitig eine nationale Steinkohle-Reserve für Notfälle garantieren. Ein weiteres politisches Instrument war der so genannte Kohlepfennig, mit dem die Verbraucher die deutsche Steinkohle subventionieren sollten.

Im Wandel: Energiepolitik