2. Von den 1960er bis in die 1980er Jahre

2.2 Die 1970er Jahre: Ölpreisschocks und Ausbau der Kernenergie

Die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg waren durch enorm hohe Wachstumsraten des Welthandels geprägt: im Schnitt rund 7,5 Prozent in den 50er-Jahren und 11,9 Prozent in den 60er-Jahren. Öl befeuerte das Wachstum Nachkriegsdeutschlands und zahlreicher anderer Nationen vor allem in Europa, Amerika und Asien.  

Doch Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre hatte sich das Wachstumstempo deutlich verlangsamt. In dieser Situation drosselte das Kartell der wichtigsten Ölproduzenten, die Organisation der Erdöl exportierenden Länder (OPEC), die Produktion, um die Preise für ihr Rohöl zu erhöhen – auch aus politischen Gründen. Im Zuge des Jom-Kippur-Krieges nutzten die OPEC-Staaten die Drosselung der Fördermengen als Druckmittel gegenüber den Abnehmerstaaten, die Israel teils stark unterstützt hatten, unter anderem mit Waffenlieferungen.

Von 1972 bis 1978 stieg der Ölpreis um rund 270 Prozent. Mit diesem Schritt wurde die hohe Abhängigkeit von Öl-Billigimporten aus OPEC-Ländern zum massiven Problem: Angesichts der hohen Abhängigkeit vom Öl führten die stark erhöhten Ölpreise in zahlreichen Staaten zu einer Rezession.

Auch in Deutschland war die Wirkung der plötzlichen Ölpreiserhöhung fatal: Das Wirtschaftswachstum schwächte sich massiv ab, bis an den Rande der Rezession. 1975 nahm das Bruttosozialprodukt um 1,3 % ab, nachdem es bereits 1974 nur um 0,1% gewachsen war. (Statistisches Bundesamt)

Das dadurch insgesamt erhöhte Preisniveau führte nicht nur in Deutschland zu Kaufkraftverlusten – starke Gewerkschaften konnten in Folge vielerorts Lohnerhöhungen durchsetzen. Diese bewirkten wiederum eine stärkere Inflation.

Andere Länder, deren Währungen ein ungünstigeres Wechselkursverhältnis zum Dollar hatten, der Leitwährung für die Notierung im internationalen Handel mit Öl, waren noch stärker betroffen: In Italien etwa stieg der Ölpreis im selben Zeitraum um rund 800 Prozent (RWI Strukturberichterstattung 1983). In den Jahren 1979 und 1980 kam es zu erneuten Preiserhöhungen für Rohöl an den internationalen Spotmärkten. Die Bundesrepublik war aber auch vom zweiten „Ölpreisschock“ weniger stark betroffen als andere Industriestaaten – und das nicht nur auf Grund des günstigeren Wechselkursverhältnisses.

Teil der Strategie des Wirtschaftsministeriums war es gewesen, im Energiehandel kurzfristige Wettbewerbsvorteile zu sichern: So erhielten Erdölexporteure Hochtechnologie im Gegenzug für Energielieferungen, Kerntechnologie stieg im Kurs und ließ sich an andere Industrienationen verkaufen. Auch der Bau einer ersten Gas-Pipeline von Russland nach Deutschland fällt in diese Zeit. Im Rahmen eines spektakulären Dreiecksgeschäfts - vorfinanziert durch die Deutsche Bank – lieferte Mannesmann Großrohre für den Pipelinebau in die Sowjetunion. Der Ruhrgas-Konzern wurde im Gegenzug mit Gas aus Sibirien beliefert. Damit wurde ein erster Schritt zur Diversifizierung der Versorgung gemacht, zu der auch die Kernenergie verstärkt beitragen sollte.

Sichtbarstes Zeichen des ersten Ölpreisschocks: Leere Autobahnen während der Sonntagsfahrverbotes im Herbst 1973 Die vermeintliche Planungssicherheit für Energieunternehmen wie auch die Bundesregierung war jedoch endgültig verloren: Öl konnte nicht länger als billiger Energieträger, der in scheinbar unbegrenzter Menge zur Verfügung steht, angesehen werden. Die OPEC-Staaten hatten durch ihre Politik künstlicher Verknappung der Welt das Gegenteil anschaulich vorgeführt. Die ebenso simple wie trügerische Gewissheit, dass erfolgreiche Energiepolitik schlicht eine Ausweitung der Produktionskapazität bedeuten würde, war ebenfalls dahin.

Tatsächlich entstanden in den 70er-Jahren im Zuge der schwächelnden Konjunktur sogar Überkapazitäten in der Stromproduktion; langfristig angelegte Kraftwerksprojekte – in besseren Zeiten begonnen – konnten nicht mehr gestoppt werden, obwohl die schlechte Konjunktur zu einem zeitweise nachlassenden Wachstum des Energiebedarfs geführt hatte.

Die Rolle der Steinkohle wiederum wurde durch die Ölpreiserhöhungen nicht nachhaltig gestärkt. Um die massiven und weiter wachsenden Wettbewerbsnachteile deutscher Kohle auszugleichen, wurde 1974 von der Bundesregierung der so genannte Kohlepfennig eingeführt. Bis ins Jahr 1995 mussten Verbraucher ihn als Aufschlag zur Stromrechnung bezahlen – im Jahr 1990 machte dies im Schnitt rund 8,25 Prozent der Stromrechnung aus. Dies entsprach rund 5,3 Milliarden DM, die als Subvention direkt dem Steinkohleabbau zuflossen. Auf Klage eines Verbrauchers hin entschied das Bundesverfassungsgericht jedoch im Jahr 1994, dass der Kohlepfennig verfassungswidrig ist. Seither wird die Steinkohleförderung in Deutschland direkt aus dem Staatshaushalt subventioniert.