Die Entstehung der niederrheinischen Braunkohle

Was die Bagger heute als Braunkohle aus großer Tiefe fördern, waren früher Bäume, Sträucher, Farne und Gräser. Das war vor 20 Millionen Jahren im Erdzeitalter des Tertiärs. Die Saurier waren längst ausgestorben. Und den Menschen gab es noch nicht. Das Klima war subtropisch, also deutlich wärmer und feuchter als heute. Wo heute Erkelenz und Mönchengladbach liegen, verzweigte sich ein Fluss - der Vorläufer der heutigen Sieg - in viele Arme, ehe er ins Nordmeer mündete. Diese flache Landschaft lag nur wenige Meter über dem Meeresspiegel. Dort erstreckten sich Flussläufe, tote Flussarme, Seen, Lagunen und Sümpfe. In dieser Gegend lebten zum Beispiel Mastodonten, Vorfahren der heutigen Elefanten. Das weiß man, weil die Forscher Reste dieser Tiere tief im Boden gefunden haben. In den damaligen Wäldern lebten die Vorläufer der heutigen Mäuse, Eichhörnchen, Hamster, Wildschweine, Hirsche, Nashörner und Affen. In den Seen und Sümpfen fanden zahlreiche Fische, Schildkröten, Biber und auch Krokodile Nahrung. Dort lebten auch viele Wasser- und Watvögel, wie man es heute von den Sümpfen warmer Länder kennt.

Zoom Vor allem aber breitete sich in der urzeitlichen Küsten und Flusslandschaft eine üppige, artenreiche Pflanzenwelt aus. Auch ihre Spuren findet man heute noch in der Braunkohle: zum Beispiel Kiefernzapfen, Hickorynüsse, Ingwerfrüchte und Reste von Sumpfzypressen, Sequoia-Bäumen, Kastanien, Magnolien und Lorbeerbäumen. Wenn die Bäume, Sträucher und Gräser alt wurden, starben sie ab und machten neuen Pflanzen Platz. Die verwelkten Blätter und morschen Stämme fielen in das Wasser. In den Sümpfen und Mooren konnten die abgestorbenen Pflanzen nicht vermodern, weil sie durch das Wasser luftdicht abgeschlossen waren. Kleinste Lebewesen, sogenannte Mikroorganismen, zersetzten die Pflanzenreste zunächst zu Torf. Dazu brauchten sie den Sauerstoff aus der Luft nicht. Auf dieser Torfschicht wuchsen wieder neue Pflanzen. Diese Moorbildung läuft noch heute ab, zum Beispiel im Hohen Venn in der Eifel, wenn auch unter ganz anderen Bedingungen. Normalerweise hinterlässt selbst der üppigste tropische Regenwald kaum eine Spur von Kohle. Denn Bakterien zersetzen Baumstämme, Äste, Laub und Bodenbewuchs. Zurück bleibt nur eine dünne Humusschicht, die vom Regen leicht abgeschwemmt werden kann. Nur unter Wasser, also unter Luftabschluss, war vor Jahrmillionen die Entstehung von Kohle möglich.

Wachsen, Absterben und Versinken im feuchten Untergrund:

Dieser Kreislauf wiederholte sich immer wieder. Denn gleichzeitig senkte sich der Boden über viele Millionen Jahre ganz allmählich ab. Die Torfschicht wurde immer dicker und dichter und war bis zu 270 Meter stark. Im Laufe der Jahrmillionen änderte sich das Klima. Es wurde allmählich kühler. Und die Vorläuferin der Nordsee drang tief in die Niederrheinische Bucht vor. Bis zur Linie Bedburg-Hambach-Inden drang das Wasser in südlicher Richtung vor, zeitweise sogar bis an den Rand der heutigen Eifel. Das Meer lagerte auf der Torfschicht ein dickes Paket aus Sand ab. Diese Decke wurde immer schwerer und presste den lockeren, feuchten Torf zusammen. Durch den hohen Druck wurde der Torf wie ein Schwamm  ausgepresst und zu Braunkohle verdichtet. Diese Schicht ist heute dunkelbraun bis schwarz an der Tagebaukante zu erkennen. Die Bergleute nennen diese Schicht Braunkohlenflöz. Die Erdmassen über der Kohle heißen Abraum. Wenn sich das Meer wieder zurückzog und die Ablagerungen nachließen, begann die Moorbildung von Neuem. Und wieder wurden die Torfschichten überspült: Jetzt deckten die urzeitlichen Flüsse den Torf mit gewaltigen Massen Sand, Kies und Ton zu. Dieses
Verwitterungsmaterial hatten sie zum Teil weit entfernt mitgerissen und abgetragen, zum Beispiel in Frankreich, im Alpenraum oder im Bereich der heutigen Mittelgebirge Eifel, Sauerland, Hunsrück und Westerwald.

Zoom Die Ablagerung mit Material aus Meer und Flüssen wiederholte sich in der Niederrheinischen Bucht 4 Subtropisches Klima mehrmals. Deshalb liegen dort heute mehrere Braunkohlenflöze übereinander, die von dicken Abraumschichten getrennt sind. Ein weiterer Vorgang kam hinzu: Im Laufe der Jahrmillionen zerbrach die Niederrheinische Bucht ganz allmählich durch gewaltige Bewegungen in der Erdkruste. Die Bodenschichten wurden gesenkt oder gekippt und im Wesentlichen in vier große Bruchstücke unterteilt: Sie heißen Rur-, Erft-, Kölner und Venloer Scholle. Bei diesen Einbrüchen zerrissen auch die Braunkohlenflöze. Im früheren Tagebau Bergheim zum Beispiel ist das Hauptflöz in eine sogenannte „Hohe“ und in eine „Tiefe Scholle“ aufgeteilt. Sie waren um bis zu 150 Meter gegeneinander versetzt. Im Ostteil des Tagebaus lag die Kohle nur etwa 25 Meter unter der Geländeoberfläche. Dagegen mussten sich die Schaufelradbagger im Westteil erst rund 160 Meter tief vorarbeiten, ehe sie an die Kohle kamen. Im Kölner Raum liegt übrigens so gut wie gar keine Kohle: Dort hat der gewaltige Ur-Rhein den Bodenschatz bereits vor Jahrmillionen ausgewaschen und weggespült.

Fassen wir zusammen: Torfmoore hatten sich entwickelt. Flüsse und Meer hatten sie immer wieder mit Kies und Sand überschwemmt. Die Erdkruste war in Schollen zerbrochen. Doch damit hatte die Landschaft immer noch nicht ihre heutige Gestalt erreicht. Die entstand vielmehr durch die vier Eiszeiten: Der Großteil Mitteleuropas war von Gletschern bedeckt, die weitaus größer waren als heute die Eisströme der Alpen. Ihr Schmelzwasser spülte in die Niederrheinische Bucht und hinterließ dort reichlich Kies und Sand. Als es wärmer wurde und sich das Eis zurückzog, wehte der Wind über Jahrtausende große Staubmassen in die Grassteppe. Die oberste, gelbliche Erdschicht heißt Löss und macht die Ackerböden in weiten Teilen der Niederrheinischen Bucht besonders fruchtbar.

Haie am Niederrhein

Zoom Das Nordmeer reichte vor 12 bis 18 Millionen Jahren bis zu einer Linie, die man sich zwischen Bedburg, Hambach und Inden denken muss, in die Niederrheinische Bucht. Wo heute Mönchengladbach, Grevenbroich und Erkelenz liegen, war also offenes Meer. Wenn es damals schon Menschen gegeben hätte, hätten sie sich nicht ins Wasser trauen dürfen: Denn im Meer wimmelte es von Haien. Der räuberische Tigerhai wäre Badegästen gefährlich geworden. Der zehn Meter lange Riesenhai dagegen war ein friedlicher Pflanzenfresser. Von den Haien weiß man, seit RWE Power in Brüggen und Mönchengladbach zwei Bohrungen zur Grundwasserbeobachtung niederbrachte. Aus dem ausgebohrten Material siebte ein Geologe 12 bis 14 Millionen Jahre alte Zähne verschiedener  Haie, Reste von Knochenfischen, Schuppen von Rochen und Bruchstücke von Muscheln.