Logbucheintrag vom 29.05.2004
Wetter: 25 Grad, strahlender Sonnenschein, klare Sicht
Der Absetzer 755 und der dazugehörige Bandschleifenwagen 945 sind seit zwei Tagen am Rand des Tagebaus Bergheim unterwegs gewesen. Jetzt stehen sie in einer Kurve unmittelbar vor dem Gleisbett der zweisträngigen Hambachbahn, einer elektrifizierten Werksbahn von RWE Power, über die Braunkohle vom Tagebau Hambach zu den Abnehmern an der Nord-Süd-Bahn transportiert wird.
Seit zwei Uhr sind die Kollegen von SAG auf den Beinen. Sie müssen die „Seile“, also die Strippen der beiden Höchstspannungsleitungen parallel zur B 477, ablegen: ein Job in sehr luftiger Höhe. Die Absetzer sind zu hoch, als dass sie unter den Leitungen her fahren könnten.
Pünktlich um 6 Uhr beginnen die Raupen und Radlader, Kies aus den Depots an den Querungspunkten auf die B 477 sowie Schotter auf den Gleiskörper der Hambachbahn zu schieben. Das gelingt dank der Trockenheit sehr schnell.
Nur wenige Zuschauer interessieren sich für das Spektakel: Es ist Pfingsten, früh am Tag, die Bergheimer kennen das Schauspiel bereits.
Der Bandschleifenwagen macht sich als erster auf die Reise und ist gegen 9.30 Uhr über das Anschlussohr B 477/L 116 hinweg. Der Absetzer ist um 9.50 Uhr auf der Hambachbahn und gegen 10.15 Uhr mit seinem Schwerpunkt auf der B 477. Typisch das Knacken, Knarzen und Schreien der Raupenfahrwerke.
An den Schalthebeln des Absetzers ist Senol Korkmaz (38), seit 11 Jahren bei RWE und seit einem Jahr Großgeräteführer. Sein Führerstand ist am Heck des Absetzers mit Blickrichtung auf die bereits zurückgelegte Strecke. Ein Flachbildschirm zeigt ihm die Strecke aus dem Blickwinkel eines Autofahrers. Ohne die Sprechfunk-Anweisungen seines Gruppenleiters auf der Trasse käme Korkmaz nicht zurecht: Der sagt ihm, um wieviel Grad er wann das lenkbare der drei Raupenfahrwerke des Hauptteils „spindeln“ soll, wie es in der Fachsprache der Bergleute heißt. Die acht Fahrwerksmotoren haben, populär ausgedrückt, eine Gesamtleistung von 1.300 PS.
Direkt, nachdem das Gerät die Querungspunkte verlassen hat, rücken die Raupen und Radlader, um die 10.000 m³ Kies wieder beiseite zu schieben. Es ist eine Art Konzert: In lang geübtem Zusammenspiel wird die Straße geräumt, das Klack-klack-klack der Caterpillars und das Hupen beim Zurücksetzen mischen sich mit dem Dieseln der Motoren.
Gegen 15 Uhr ist die Bundesstraße 477 schon wieder so weit geräumt, dass Feuerwehr und Krankenwagen den Absetzer-Überweg passieren können, wenn es denn nötig ist. Gegen 18 Uhr wird die Straße offiziell geräumt, und kaum etwas erinnert mehr an die morgendliche Überfahrt.
Die Hochspannungsleitung steht nachmittags wieder zur Verfügung; sie verbindet Niederaußem auf der Höchstspannungsebene mit dem Westen und könnte als eine Art Autobahn A 3 der Stromversorgung bezeichnet werden.
Bei Transportkilometer 2,5, am Wanderparkplatz Wiedenfelder Höhe, ist gegen 15 Uhr Feierabend für Absetzerführer Senol Korkmaz und seine Kollegen: Die Mannschaft parkt die beiden Großgeräte auf der Trasse. Die Menschen ziehen mit: Absetzer 755 und sein Bandschleifenwagen werden über Pfingsten zum Ausflugsziel: Wann sonst kann man die Stahlriesen aus nächster Nähe erleben?
Am Dienstag wird die Reise nordwärts weitergehen: in schwer zugänglichem Gelände auf dem rekultivierten Boden des früheren Tagebaus Fortuna-Garsdorf.


