Das ökologische Hochhaus
Mit High-Tech zum ökologischen Hochhaus
1991 schreibt Deutschlands fünftgrößter Konzern einen internationalen Architekturwettbewerb aus: Die RWE AG sucht ein neues Zuhause für seine Hauptverwaltung. Es gewinnt ein Entwurf des Düsseldorfer Architektenbüros Ingenhoven, Overdiek, Kahlen & Partner. Am 14. März 1997 ist Einzug. Mit 162 Metern Höhe (inkl. Antenne) ist es das höchste Gebäude Nordrhein-Westfalens. Die Baukosten betrugen 300 Millionen Mark. Was aber viel mehr überrascht ist ein anderer Superlativ. Das neue Hauptgebäude der RWE ist das erste ökologische Hochhaus der Welt.
Es markiert die entscheidende Wende in einem Hochhausbau, der bislang vom amerikanischen Prinzip der strikten Trennung von Innenraum und Umwelt dank Klimaanlage dominiert war. Mit dem Neubau der RWE-Konzernzentrale wurde nun ein Hochhaustyp realisiert, der sich den Verhältnissen der Außenwelt nicht länger hermetisch verschließt, sondern diese aufgreift und sich auf eine ökologisch sinnvolle und umweltschonende Weise zunutze macht. Das spart nicht nur Strom. Vielmehr kommt es nicht zuletzt den "Bewohnern" des Turms, den Mitarbeitern der RWE, zugute. Durch frische, natürlich temperierte Luft, individuelle Klima- und Lichtregulierung, Nutzung von Tageslicht und eine ungetrübte Sicht nach draußen.
Die Form - viel drin, wenig drum herum
Von allen ebenen Figuren mit dem gleichen Umfang besitzt der Kreis den größten Flächeninhalt. Dieser lapidare Lehrsatz der Geometrie bot die Basis, um Aerodynamik, Lichteinfall, Flächenverteilung und Elementierung dieses Hochhauses zu optimieren. Das gleiche mathematische Prinzip findet sich sowohl in den technischen Bauformen des Ruhrgebiets - von Schlot und Pipeline bis zu Wasserturm und Gasometer - als auch in der Natur wieder. Denn aus der Biologie ist auch bekannt: Wenig Haut um viel Volumen hält warm.
Die atmende Haut
Für frische Luft in den Hochhausräumen sorgt ein ausgeklügeltes System. Die zwei Glasschichten der Fassade bilden eine Art Mini-Wintergarten, der die Luft reinholt, ohne dass Zug entsteht.
Vom Flugzeugbau gelernt
Die Technik des Fischmauls stammt aus dem Flugzeugbau. Durch seine strömungsgünstigen Öffnungen gelangt die Luft ohne störende Geräusche in den Zwischenraum. Dort erwärmt sie sich, steigt auf und tritt oben aus. An der Unterseite des Fischmauls sind Sonnenschutzlamellen eingelassen. Die Oberseiten können durch eine Klappe zu Trittbrettern für die Fensterputzer umgewandelt werden.
Frischluft ankurbeln
Der RWE-Turm ist kein abgeschotteter Glaskäfig. Er ist ein Gebäude, das mit seiner unmittelbaren Umgebung in direktem Kontakt steht. Mit Hilfe einer solchen Kurbel z.B. lassen sich selbst im 30. Stockwerk die Fenster öffnen, so dass Luft und Geräusche der Außenwelt sanft in die Büroräume der Mitarbeiter gelangen können.
Das richtige Arbeitsklima auf Knopfdruck
Im Gegensatz zu den vollklimatisierten und energieverschwendenden Hochhäusern der 70er und 80er Jahre lässt das neue Haus den Mitarbeitern viele Gestaltungsmöglichkeiten. Jeder Mitarbeiter kann Lichteinfall und Sonnenschutz, Heizung und Kühlung in seinem Umfeld selbst verändern, denn in jedem Büro befindet sich ein Steuerungstableau.
Im Windkanal entwickelt
Um die Strömungssituation bei einem auf natürliche Weise belüfteten Hochhaus, wie der RWE-Turm eines ist, untersuchen zu können, wurden zahlreiche Versuche durchgeführt. Diese fanden im Windkanal am Modell statt. So konnten Erkenntnisse unter anderem darüber gewonnen werden, welche Druckkräfte auf die Glasfassade wirken, wie die Be- und Entlüftung eines solchen Baus beschaffen sein muss und welche neuen Strömungsverhältnisse sich für die Nachbargebäude ergeben. Ein weiterer Superlativ: Der RWE-Turm ist das erste Hochhaus, das im Windkanal entwickelt wurde.

