Chronik 1921-1930

Aufbau der Verbundwirtschaft

Zeche Victoria, Mathias, 1920

1922

Das RWE sichert mit dem Erwerb von drei Essener Steinkohlenzechen (u.a. Zeche Victoria Mathias) und der Mehrheit an der Braunkohlen- und Brikettwerke Roddergrube AG, Brühl, langfristig die Versorgung seiner Kohlekraftwerke.


 Plan Speicherkraftwerk Herdecke

1923

Die Übernahme der Elektrizitäts-Aktien-Gesellschaft vorm. W. Lahmeyer & Co. (EAG), Frankfurt, die noch 25 Jahre zuvor Gründerin des RWE war, bedeutet den entscheidenden unternehmerischen Schritt zum Aufbau eines überregionalen Stromverbundnetzes. Ihre Tochtergesellschaften sind u.a. die Main-Kraftwerke AG (MKW), Frankfurt-Hoechst, die Kraftwerk Altwürttemberg AG (KAWAG), Ludwigsburg, und die Lech-Elektrizitätswerke AG (LEW), Augsburg. Nach der Übernahme durch das RWE nimmt die EAG ihre Bautätigkeit wieder auf: Sie plant und errichtet große Talsperren und Wasserkraftanlagen, u.a. das 1930 in Betrieb genommene Pumpspeicherkraftwerk Koepchenwerk (132 MW) bei Herdecke.


Bau der 220-kV-Leitung, um 1928

1924

Nachdem die unternehmerischen Voraussetzungen geschaffen sind, folgt ab 1924 der Bau der Nord-Süd-Verbundleitung zwischen dem rheinischen Braunkohlenrevier bei Köln und den Wasserkraftanlagen in den Alpen und am Oberrhein. Sie ermöglicht nach ihrer Inbetriebnahme 1930 durch Hochspannungsübertragung (erstmals in Europa 220 kV) den Stromaustausch mit süddeutschen Energieversorgern wie dem Badenwerk. Erstmals wird nun der energetisch günstige Verbundbetrieb zwischen Braunkohle (Grundlast) und den alpinen Wasserkräften (Spitzenlast) möglich. Diese Leitung wird zum Rückgrat des heutigen Hochspannungsnetzes.


Schaltwart der Hauptschaltleitung Braunweiler, 1929

Gesteuert wird der überregionale Verbundbetrieb durch die 1928 in Betrieb genommene Hauptschaltleitung Brauweiler (bei Köln), die den Kraftwerkseinsatz und die Nutzung des Hochspannungsnetzes zentral koordiniert. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird sie zur Schaltstelle des europäischen Verbundbetriebs.


Da nach der Inflation in Deutschland Kapitalmangel herrscht, finanziert das RWE diese Expansion in erster Linie durch Dollar-Anleihen in den USA.


Albert Vögler, um 1930

Mit dem plötzlichen Tod von Hugo Stinnes im April 1924 verliert das RWE nicht nur seinen langjährigen Aufsichtsratsvorsitzenden, sondern auch die unternehmerisch prägende Persönlichkeit der ersten drei Jahrzehnte. Die Einbindung der Kommunen und der Aufbau der großräumigen Strom-Verbundwirtschaft auf der Basis großer Kraftwerkseinheiten gehen auf seine Initiative zurück. Sein Nachfolger wird der aus dem Stinnes-Konzern stammende spätere Vorstandsvorsitzende der Vereinigte Stahlwerke AG, Albert Vögler.


1925

In Westfalen bündeln Provinz und Kommunen ihre energiewirtschaftlichen Interessen: das Städtische Elektrizitätswerk Dortmund, das Elektrizitätswerk Westfalen AG und das Westfälische Verbands-Elektrizitätswerk gründen die Vereinigte Elektrizitätswerke Westfalen GmbH (VEW), Dortmund. Nach mehreren erfolglosen Bemühungen des RWE, auch die westfälischen Kommunen für eine einheitliche Elektrizitätsversorgung zu gewinnen, scheidet das Essener Unternehmen aus dem Westfälischen Verbands-Elektrizitätswerk aus. Die VEW wird ein rein kommunales Unternehmen, an dem sich Provinz und Kommunen in den folgenden Jahren durch Hergabe ihrer Beteiligungen an den drei Vorgängergesellschaften direkt beteiligen. 1930 erfolgt die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft.


Zur Sicherung der Brennstoffversorgung ihrer Kraftwerke erwirbt die noch junge VEW die Zeche Gottessegen in Dortmund, 1926 die Zeche Alte Hasse in Sprockhövel und 1927 die Zeche Caroline in Holzwickede.


HOCHTIEF-Logo seit 1924

1926

Aus dem Nachlass von Hugo Stinnes erwirbt das RWE 31% der Anteile der HOCHTIEF Aktiengesellschaft für Hoch- und Tiefbauten vorm. Gebrüder Helfmann, Essen. Bereits seit der Jahrhundertwende haben beide Unternehmen enge geschäftliche Kontakte.


Daneben gelingt dem RWE der Erwerb weiterer Beteiligungen an Elektrizitätsunternehmen (u.a. der Rheinischen Elektrizitäts-Aktiengesellschaft, später Rheinelektra abgekürzt). Damit kann das RWE-Versorgungsgebiet in der Rheinpfalz, in Rheinhessen und in Niedersachsen weiter ausgebaut werden.


Um der Zusammenfassung der Kokereigasversorgung des Ruhrbergbaus in der Aktiengesellschaft für Kohleverwertung (später Ruhrgas AG) nicht im Wege zu stehen, bringt das RWE sein Ferngasversorgungsnetz in das neue Unternehmen ein.


Die VEW forciert dagegen den Ausbau der Gasversorgung. Sie gründet ein Jahr später die Vereinigte Gaswerke Westfalen GmbH (VGW), in die sie ihre Gasaktivitäten einbringt. Die VGW beginnt mit dem großzügigen Ausbau von Ferngasleitungen in ihrem Versorgungsgebiet. Die örtlichen Gaswerke werden im Zuge der Umstellung auf Ferngas stillgelegt.


 

1927

Der seit längerem schwelende Interessenkonflikt zwischen dem RWE und dem Staat Preußen, der seit 1912 in Norddeutschland eine staatliche Stromversorgung aufbaut, wird im so genannten "Elektrofrieden" beigelegt. Im Streit um die Belieferung von einzelnen Regionen (u.a. Stadt Frankfurt) hatte sich Preußen der Ausdehnung des Versorgungsgebiets und Hochspannungsnetzes des RWE widersetzt.

Neben der Abgrenzung der jeweiligen Interessengebiete (Demarkation) tauschen das RWE und Preußen ihre Braunkohlebeteiligungen im Braunschweiger und Kölner Revier. Das RWE kommt so in den Besitz der Braunkohlen-Industrie AG "Zukunft", Weisweiler, die auch den Raum Aachen und weite Teile der Eifel mit Strom versorgt. Der Staat Preußen ist seit 1925 durch den Erwerb des ehemaligen Stinnes-Aktienpakets mit einem Anteil von ca. 11,5 % größter Einzelaktionär des RWE.


Kraftwerk Gustav, Dettingen/Main, 1929

1928

Das RWE erwirbt die Kuxenmehrheit der Gewerkschaft Gustav, Dettingen am Main. Die Stromlieferungsverträge des Unternehmens, das eine kleine Braunkohlengrube und ein angeschlossenes Braunkohlekraftwerk betreibt, ermöglichen die Ausdehnung des RWE-Versorgungsgebiets nach Südhessen und Nordbayern.


Kraftwerk Gustav, Dettingen/Main, 1929

Die Provinz Westfalen, das Land Lippe sowie zahlreiche westfälische Landkreise und Kommunen gründen die Westfälische Ferngas-AG. Nachdem mit der jungen Ruhrgas AG ein Demarkationsvertrag geschlossen wurde, beginnt die WFG mit dem Bau erster Verteilungsleitungen in Südwestfalen. Der Plan, die Gasversorgung der beiden Versorgungsgebiete von VEW und WFG zusammenzufassen, scheitert 1932 am Widerstand der WFG-Aktionäre.


1929

Im Zuge der Erhöhung des Aktienkapitals des RWE auf 243 Mio. RM gründen die am RWE beteiligten Kommunen und die Rheinprovinz die Kommunale Aufnahmegruppe für Aktien GmbH, Essen. Sie bündelt die Interessen der Kommunen gegenüber dem RWE und sichert deren Einfluss durch den treuhänderischen Erwerb von Aktien für finanzschwache Kommunen. 1947 entsteht aus ihr der Verband der kommunalen Aktionäre des RWE GmbH (VkA).


RWE-Kundenzeitung "Elektrisches Auge", September 1929

Mit der Ausstellung "Technik im Heim", mit der das RWE erstmals den Einsatz von Elektrizität in allen Bereichen des Haushalts darstellt, und mit der Einführung der Ratenzahlung für elektrische Koch- und Heißwassergeräte verstärkt das Essener Unternehmen seine Bemühungen um breitere Anwendung von elektrischem Strom im Haushalt.


Vermuntwerk der Voralberger Illwerke AG, 1949

1930

Die 1928 gemeinsam mit dem Badenwerk gegründete Schluchseewerk AG, Freiburg, nimmt die erste Stufe ihres dreiteiligen Speicherkraftwerksystems im Schwarzwald in Betrieb. In den Alpen liefert das Vermuntwerk der Vorarlberger Illwerke AG, Bregenz, den ersten Strom. Das RWE, über die KAWAG beteiligt, nimmt große Teile der Erzeugung ab. Über die gleichzeitig fertiggestellte Nord-Süd-Verbundleitung beginnt der Stromaustausch zwischen den rheinischen Braunkohlekraft- werken und den süddeutschen und alpinen Wasserkraftanlagen.


Nachdem bereits zwischen den Unternehmen Einigung erzielt wurde, scheitert der geplante Zusammenschluss von RWE und VEW an den amerikanischen Anleihegläubigern des westfälischen Stromversorgers.