Chronik 1931-1945
Phasen der Bewährung

1931
Während die gesamte deutsche Wirtschaft infolge der Weltwirtschaftskrise einen einschneidenden Rückgang der Produktions- und Absatzzahlen erleidet, sinkt die nutzbare Stromabgabe des RWE nur von 2,7 Mio. kWh (1929/30) auf 2,1 Mio. kWh (1931/32). Ein Grund: Viele Industrieunternehmen legen ihre unrentablen Eigenanlagen zur Stromversorgung still. Ein ähnlicher Absatzrückgang bringt dagegen die im Aufbau befindliche, junge VEW an den Rand des wirtschaftlichen Zusammenbruchs.

1932
Das RWE erwirbt von Fritz Thyssen und Friedrich Flick die Aktienmehrheit bei der größten rheinischen Braunkohlengesellschaft, der Rheinischen AG für Braunkohlenbergbau und Brikettfabrikation (RAG), Köln. Neben zahlreichen Tagebauen und Brikettfabriken verfügt das Unternehmen auch über zwei große Braunkohlenkraftwerke (Fortuna I + II), die u.a. die Stadt Köln mit Strom versorgen. Die RAG wird zum Kern der späteren Rheinischen Braunkohlenwerke AG (Rheinbraun).

1933
Die Machtübernahme der Nationalsozialisten: Während die Geschäftsführung einschließlich Vorstand im Amt bleibt, gelangen über die Sitze der Gebietskörperschaften (Kommunen, Provinzen) nationalsozialistische Mandatsträger in den RWE-Aufsichtsrat. Die beiden Betriebsratsvertreter müssen den Aufsichtsrat verlassen. Besonders stark wird der NS-Einfluss bei den rein öffentlichen Versorgungsunternehmen VEW und WFG, wo nun aktive Nationalsozialisten in die Unternehmensführung Einzug halten.
1934
Prognosen, dass mittelfristig mit einer Erschöpfung der Vorräte im rheinischen Braunkohlenrevier zu rechnen ist, motivieren das RWE, noch stärker Wasserkräfte für die Stromerzeugung zu nutzen: Am Oberrhein nimmt das Laufwasserkraftwerk der Rheinkraftwerk Albbruck-Dogern AG (RADAG), Waldshut/Baden, (1930 mit Schweizer Beteiligung gegründet, RWE 75 %) seinen Betrieb auf. 1935 speist das Kraftwerk Klingnau der Schweizer Aarewerke AG, Aarau, erstmals Strom in das RWE-Verbundnetz. In den folgenden zehn Jahren baut das RWE mit der Erweiterung bestehender Anlagen und mit neuen Beteiligungen seine Stromerzeugung aus der "weißen Kohle" weiter aus.

1935
Das Energiewirtschaftsgesetz beendet vorerst die seit einem Jahrzehnt geführte Diskussion um die Struktur und die gesetzlichen Rahmenbedingungen der Elektrizitätswirtschaft in Deutschland. In den letzten Jahren war es wiederholt zu publizistischen Konfrontationen zwischen dem RWE und einzelnen Gruppen der NSDAP gekommen. Diese lehnen u.a. aus militärischen Überlegungen Großkraftwerke und ein nationales Verbundnetz ab und fordern statt dessen eine kleinteilige, stark auf Eigenversorgung und eine Vielzahl von Kleinstkraftwerken basierende Versorgungsstruktur. Das neue Gesetz greift zwar nicht in die Struktur und die Eigentumsrechte der deutschen Stromwirtschaft ein. Es sichert jedoch erstmals dem Staat einen Einfluss auf Planung, Betrieb und Preisbildung in der Stromwirtschaft.

1936
Der seit 1926 gehaltene Anteil an der Rheinischen Elektrizitäts-Aktiengesellschaft (Rheinelektra), Mannheim, wird auf eine Mehrheitsbeteiligung aufgestockt. Neben zahlreichen Elektrizitätswerken ist die Rheinelektra auch an der Stierlen-Werke AG, Rastatt, beteiligt. Das 1889 als Herdfabrik gegründete Unternehmen produziert neben Schnellwaagen, Kühl- und Geschirrspülanlagen auch Krankenhauseinrichtungen unter der Marke "Maquet". Der spätere Unternehmensbereich Maschinen-, Anlagen- und Gerätebau der RWE AG hat hier eine seiner Wurzeln.

Mit der Niederrheinische Braunkohlenwerke AG (NBW), Rheydt, die auch das Kraftwerk Frimmersdorf betreibt, erwirbt das RWE einen weiteren bedeutenden rheinischen Braunkohlenproduzenten

1938
Die von der Wiederaufrüstung getragene wirtschaftliche Erholung führt beim RWE zur kräftigen Erhöhung des Stromabsatzes, der anfangs noch durch die volle Auslastung der bestehenden Kraftwerkskapazitäten gedeckt werden kann. Der 1936 verordnete "Vierjahresplan", der Deutschland von ausländischen Rohstoffeinfuhren (u.a. Öl und Kautschuk) unabhängig machen soll, erfordert jedoch auch bei RWE und VEW den Aus- und Neubau von Kraftwerken. Im Norden von Essen beginnt die Errichtung des Steinkohlekraftwerks Karnap, das 1940 ans Netz geht. Die VEW erweitert ihre Kraftwerke Dortmund und Gersteinwerk bei Werne um neue Hochdruck-Anlagen.

Auch die rheinischen Braunkohlengesellschaften müssen ihren Beitrag zur Autarkiewirtschaft leisten: Sie gründen 1937 die Union Rheinische Kraftstoff AG, Wesseling, die 1941 ein Hydrierwerk zur Erzeugung von Benzin aus Braunkohle in Betrieb nimmt.

1940
Die RWE-Tochter Rheinelektra erwirbt die Mehrheit an einem der traditionsreichsten deutschen Maschinenbauunternehmen, der 1850 gegründeten Schnellpressen AG Heidelberg, Heidelberg. Mit dem von 1914 bis 1985 produzierten Heidelberger Tiegel, der ersten vollautomatischen Bogendruckmaschine, ist das Unternehmen in der gesamten Welt erfolgreich. In der Nachkriegszeit wird Heidelberg größter Druckmaschinenhersteller der Welt.
1942
Angesichts des enormen Strombedarfs der Kriegswirtschaft und der beginnenden Bombenangriffe auf einzelne Kraftwerke versucht das RWE, die Stromwirtschaft des besetzten Westeuropa in das deutsche Verbundnetz mit einzubeziehen. Hochspannungsverbindungen nach Belgien, in die Niederlande und nach Frankreich sollen dortige freie Kraftwerkskapazitäten für den deutschen Bedarf erschließen, sie werden zum Teil erst nach Kriegsende fertiggestellt. Über diese Leitungen fließt dann ab 1945 Reparationsstrom aus Deutschland in die westeuropäischen Nachbarstaaten. Sie bilden schließlich die Verbindungsglieder für das europäische Verbundnetz der Nachkriegszeit.

1944
Die zunehmenden Luftangriffe treffen RWE und VEW schwer: Zahlreiche Kraftwerke (u. a. das Goldenberg-Werk und das Kraftwerk Dortmund) werden zum Teil schwer beschädigt und die Hauptverwaltungen in Essen an der Hachestraße bzw. in Dortmund an der Silberstraße zerstört. Für die RWE-Mitarbeiter werden im Hochtief-Haus an der Rellinghauser Straße Büros eingerichtet. Das Provisorium bleibt schließlich 17 Jahre bestehen.

1945
Kurz vor Kriegsende bricht das RWE-Verbundnetz zusammen, die vertraglich gesicherten Stromlieferungen aus der Schweiz werden gestoppt. Oftmals in letzter Minute können RWE-Mitarbeiter die Zerstörung von Anlagen durch zurückweichende deutsche Truppen verhindern.

Die bisherigen Prokuristen Heinrich Schöller und Fritz Ridderbusch bilden den ersten Nachkriegsvorstand des RWE. Sie werden gemeinsam die Politik des Unternehmens bis zum Ende des nächsten Jahrzehnts entscheidend prägen.

Im Laufe des Jahres werden die RWE-Beteiligungen im Ausland gesperrt und die Stein- und Braunkohlengesellschaften des RWE unter alliierte Kontrolle gestellt. Auf der anderen Seite unterstützen die westlichen Besatzungsmächte den schnellen Wiederaufbau der Stromversorgung: 1948 sind die Hochspannungsnetze von RWE und VEW wieder vollständig betriebsbereit.


