Chronik 1946-1958

Zwischen Wiederaufbau und internationaler Verbundwirtschaft

1947

Die Demontage deutscher Industrieanlagen soll nach dem Willen der Alliierten einen erneuten Angriffskrieg verhindern und den Wiederaufbau im zerstörten Europa beschleunigen. Auch das kleine Kraftwerk Wesel taucht auf der "Demontageliste" auf. Auf der anderen Seite läuft die Reparatur und die provisorische Instandsetzung der bestehenden Kraftwerke auf Hochtouren, denn Strom ist die Grundlage für eine Normalisierung des Lebens und eine Voraussetzung für den Wiederaufbau. Bei RWE ist drei Viertel der Kraftwerkskapazität und bei VEW sogar der komplette Kraftwerkspark wiederhergestellt, so dass 1948 die Stromrationierung aufgehoben werden kann.


Versorgungsbereich der Mitgliedsunternehmen der Deutschen Verbundgesellschaft, 1950

1948

Auf Initiative des RWE-Vorstands Heinrich Schöller gründen sieben große Elektrizitätsversorgungsunternehmen die Deutsche Verbundgesellschaft (DVG), Heidelberg. Sie soll Planung und Betrieb der jeweiligen Hochspannungsnetze koordinieren, ein bereits in den 30er Jahren vom RWE vorgeschlagenes 400/380-kV-Netz (bislang 220 kV) errichten und damit für ganz Westdeutschland ein leistungsfähiges Verbundnetz aufbauen.


 

Im Rahmen der Diskussionen um die zukünftige Ausgestaltung der westdeutschen Elektrizitätswirtschaft wird die "Verbundwirtschaft" des RWE, insbesondere die Rolle der Braunkohle und der Einfluss der Gebietskörperschaften, in Frage gestellt. Die kommunalen Aktionäre formieren daraufhin ihre Interessen neu: Aus der Kommunalen Aufnahmegruppe wird 1947 der Verband der kommunalen Aktionäre des RWE GmbH (VkA), Essen.


STEAG-Kraftwerk Walsum, 1960

1950

Die seit 1947 teilweise erbittert geführten Auseinandersetzungen zwischen dem Steinkohlenbergbau und dem RWE bzw. seinen Braunkohlegesellschaften um die Prioritäten beim Ausbau weiterer Kraftwerkskapazitäten finden im STEAG-Vertrag ein Ende. Der Ruhrbergbau verzichtet auf die direkte Beteiligung an der öffentlichen Elektrizitätsversorgung und auf den Aufbau eines eigenen Leitungsnetzes. Das RWE nimmt dafür große Teile der Stromerzeugung des Bergbaus auf und baut vorerst keine neuen Steinkohlekraftwerke. Ein Jahr später schließen Ruhrbergbau und VEW einen ähnlichen Vertrag über die Abnahme des Zechenstromes durch den Stromversorger.


Netzwarte der Hauptschaltleitung Brauweiler, 1956

1951

Bereits vor dem Beginn der politischen Einigungsbestrebungen kommt es zur ersten privatwirtschaftlich organisierten Zusammenarbeit in Westeuropa. Das RWE beteiligt sich an der Gründung der "Union für die Koordinierung der Erzeugung und des Transports elektrischer Energie" (UCTPE), Paris, die - ausgehend von einer gegenseitigen Störungsaushilfe - den Zusammenschluss der nationalen Hochspannungsnetze zu einem internationalen Verbundnetz für den regelmäßigen Stromaustausch koordiniert und eine internationale Lastverteilung organisiert. Kurzzeitige Belastungsspitzen und witterungsbedingte Mangelsituationen bei den einzelnen Mitgliedsunternehmen können so grenzübergreifend abgefangen werden


 

1952

Als letztes deutsches Elektrizitätsversorgungsunternehmen wird das RWE aus der alliierten Kontrolle entlassen. Die großen Ruhrkonzerne und der Ruhrbergbau werden im Zuge der so genannten Entflechtung in mehrere Unternehmen aufgeteilt und so - zumindest gesellschaftsrechtlich - die vertikalen Produktionsverbindungen (z.B. zwischen Steinkohlenbergbau und Hüttenindustrie) zerschnitten. Nachdem die RWE-Zechen einen geplanten Zusammenschluss mit anderen Zechen abgelehnt haben, verbleiben sie beim RWE und werden in der Gewerkschaft des Steinkohlenbergwerks Victoria Mathias, Essen, zusammengefasst.


Wiederaufgebautes Kraftwerk Viehofer Straße, Essen, um 1950

Der Wiederaufbau der RWE-Kraftwerke und die teilweise Erweiterung und Modernisierung der bestehenden Anlagen (z.B. mit Vorschaltanlagen, neuen Kesseln und Turbinen) ist beendet. 1950 übertreffen sowohl die installierte Leistung als auch die Stromabgabe erstmals den bisherigen Spitzenwert.


Eröffnung des Kraftwerks Weisweiler durch Ludwig Erhard, 1955

Aufgrund der steil ansteigenden Nachfrage verlagert sich der erforderliche Kapazitätsausbau stärker auf Neubauten. Im rheinischen Revier beginnen die Bauarbeiten für die neuen Kraftwerke Weisweiler, Fortuna III und Frimmersdorf II, die 1955-1956 ans Netz gehen.


 

1953

Die Regelung der deutschen Auslandsschulden im Londoner Abkommen bringt auch für das RWE endlich Planungssicherheit. Als größter privater Auslandsschuldner Deutschlands - die in den 20er Jahren aufgenommenen Dollar-Anleihen sind erst zum Teil getilgt - ist das RWE mit seinem Vorstand Fritz Ridderbusch bei den Verhandlungen vertreten.


 

Die deutsche Delegation wird von Hermann J. Abs geleitet, der seit 1939 dem RWE-Aufsichtsrat angehört und von 1957 bis 1977 Vorsitzender dieses Gremiums ist. Ähnlich wie sein Vorgänger Vögler versteht es der Bankier, aus dieser Position heraus die Unternehmenspolitik des RWE stark zu prägen.


Schaufenster der RWE-Beratungsstelle Duisburg-Hamborn, um 1955

1955

Der zunehmende Wohlstand breiter Bevölkerungskreise ("Wirtschaftswunder") lässt neben der Landwirtschaft auch verstärkt die Privathaushalte zur Zielgruppe der RWE-Anwendungswerbung werden. Bei der Entwicklung und Weiterentwicklung von elektrischen Kochherden, Heißwasserbereitern und Nachtspeichergeräten steht das RWE Pate. Erleichtert wird die Anschaffung für den Verbraucher durch die Wiedereinführung des Ratenzahlungsgeschäfts für Elektrogeräte.


Fernsehveranstaltung "Hochspannung" im Essener Saalbau, 1955

Für die Verbraucher erscheint seit 1952 wieder eine eigene Kundenzeitschrift: "Strom". Die Vorteile eines elektrischen Haushalts vermittelt das RWE nicht nur durch Musterküchen und Werbefilme: Im Essener Saalbau demonstriert die Sendung "Hochspannung" des NWDR unter der Leitung von Peter Frankenfeld dem noch kleinen Fernsehpublikum die Errungenschaften der elektrischen Küche.


Die Inbetriebnahme der drei neuen Braunkohlenkraftwerke Fortuna II, Frimmersdorf II und Weisweiler kann den gewaltigen Strombedarf der boomenden deutschen Wirtschaft nur kurzfristig stillen. Bis Anfang der 1970er Jahre werden diese Kraftwerke teilweise im Jahrestakt um neue Blöcke erweitert.


In der Essener Hauptverwaltung des RWE wird eine Kernkraftabteilung gegründet, die intensiv die internationale Entwicklung der Kernenergie verfolgt und die mögliche Nutzung untersucht.


1957

Erstmals in der Bundesrepublik nimmt das RWE mit der Verbindung Rommerskirchen (bei Köln) - Ludwigsburg (Schwaben) eine 380-kV-Hochspannungsleitung in Betrieb. Bereits in den 20er Jahren sind einzelne RWE-Hochspannungsleitungen auf 380-kV ausgelegt worden, die kurz vor dem Zweiten Weltkrieg Ausgangspunkt für erste RWE-Planungen für ein europäisches 400-kV-Verbundnetz wurden. Der Sprung von den bislang verwendeten 220-kV auf 380-kV Spannung erhöht nachhaltig die Leistungsfähigkeit der Stromübertragung (bis zum Vierfachen) und sichert angesichts eines rapide steigenden Stromverbrauchs die Funktionsfähigkeit der Großraum-Verbundwirtschaft.


Rheinelektra und Lahmeyer bringen ihre Leitungs- und Schaltanlagenbauabteil-ungen in die neugegründete Starkstrom-Anlagenbau-Gemeinschaft oHG ein. Aus ihr entsteht später die Starkstrom-Anlagenbau-Gesellschaft mbH (SAG), Frankfurt/Main.