Chronik 1959-1967

Weichenstellung für die Zukunft: Braunkohle oder Kernkraft?

Schaufelradbagger im Tagebau (Fortuna-Garsdorf), um 1960

1959

Im rheinischen Braunkohlenrevier werden grundsätzliche Weichenstellungen vorgenommen. Auf der einen Seite steigt der Braunkohlenbedarf der RWE-Kraftwerke weiter an. Auf der anderen Seite verschlechtern sich die Abbaubedingungen durch zunehmende Abbautiefen, ein ungünstigeres Kohle-Abraum-Verhältnis und uneinheitliche Kohlequalitäten.


 

Technisch gelöst werden diese Probleme durch den Übergang zu Großtagebauen, die eine verstärkte Mechanisierung u.a. mit Schaufelradbaggern und Transportbändern erfordern. Die damit notwendigen Großinvestitionen führen zur Zusammenfassung der verschiedenen RWE-Braunkohlengesellschaften zur Rheinischen Braunkohlenwerke AG (Rheinbraun), Köln.


Besuch des RWE-Vorstands Heinrich Schöller im VAK Kahl, 1962

1960

Nachdem die Bundesregierung nachhaltig ihr Interesse an einer Beteiligung der deutschen Industrie an der friedlichen Nutzung der Kernkraft unterstrichen hat, errichtet das RWE zusammen mit dem Bayernwerk den ersten industriellen Kernreaktor in Deutschland. Das Versuchsatomkraftwerk Kahl am Obermain (15 MW), direkt neben dem RWE-Kraftwerk Dettingen gelegen, liefert 1962 den ersten Strom. Bis zur Stilllegung 1985 können hier wichtige Erkenntnisse für die Planung und den Betrieb kommerzieller Kernreaktoren gewonnen werden.


RWE-Hauptverwaltung Essen, um 1962

1961

Das RWE bezieht den Neubau seines Verwaltungsgebäudes nahe der Freiheit in Essen. Zusammen mit dem Rheinstahl-Haus und dem wenig später errichteten Postgiroamt prägt die RWE-Hauptverwaltung das Essener Stadtbild.

Nach der letzten Kapitalerhöhung verfügt das RWE mit 795 Mio. DM über das größte Grundkapital eines deutschen Unternehmens.


Das Laufwasserkraftwerk Trier geht ans Netz. Es ist das erste Kraftwerk, das RWE im Zuge des Ausbaus der Mosel zur Großschifffahrtsstraße errichtet. Bis 1965 folgen acht weitere Laufwasserkraftwerke an der Mosel zwischen Trier und Koblenz. Sie verfügen insgesamt über eine Leistung von 180 Megawatt.


Kernkraftwerk Gundremmingen, um 1970

1962

Auf Drängen der Bundesregierung und nach eingehenden internen Diskussionen entschließen sich das RWE und das Bayernwerk zum Bau des ersten kommerziellen deutschen Kernreaktors Gundremmingen A an der Donau. Das von HOCHTIEF errichtete Kernkraftwerk (237-MW-Siedewasserreaktor) wird 1966 in Betrieb genommen. Es stellt als Demonstrationskraftwerk eine Zwischenstufe zu der darauffolgenden Generation der Leistungsreaktoren mit 600 und mehr MW dar und wird 1980 stillgelegt. 1984 gehen am gleichen Standort die Blöcke Gundremmingen B und C mit jeweils 1300 MW ans Netz.


Kernkraftwerk Gundremmingen, um 1970

Zwei Jahre nach RWE beginnt die VEW mit dem Bau ihres ersten Kernkraftwerks in Lingen, das ebenso wie Gundremmingen als Demonstrationskraftwerk konzipiert ist. Das Kraftwerk geht 1968 mit einer Leistung von 160 Megawatt in Betrieb und wird 1977 wegen Schäden im konventionellen Anlagenteil stillgelegt.


RWE erwirbt eine Beteiligung an derVereinigte Saar Elektrizitäts-Aktiengesellschaft (VSE), Saarbrücken, und bringt einen Großteil seiner Anlagen im Saarland in die Gesellschaft ein.Dadurch hält RWE rund 41 Prozent der Anteile an dem Regionalversorger.


1963

In Hamm nimmt die VEW mit dem Kraftwerk Westfalen ihr erstes neues Kraftwerk in Betrieb. Die beiden Steinkohlenblöcke leisten jeweils 160 Megawatt. Bislang hatte der ständig steigende Strombedarf durch den Ausbau der bestehenden Kraftwerke Gersteinwerk und Gemeinschaftswerk Hattingen gedeckt werden können.


Kraftwerk Frimmersdorf II, 1963

1964

Der seit Anfang der 50er Jahre kontinuierliche Ausbau der Kraftwerksleistungen auf der rheinischen Braunkohle erlebt einen weiteren Höhepunkt: Das Kraftwerk Frimmersdorf II ist mit 2000 MW das größte thermische Kraftwerk der Welt. Aber die laufende Erweiterung bestehender Kraftwerke reicht nicht aus, um den immer noch rapide steigenden Strombedarf zu stillen. 1964 nimmt RWE in Niederaußem und 1968 in Neurath zwei weitere Braunkohlekraftwerke in Betrieb, die bis 1976 in mehreren Schritten erweitert werden.


 

Das RWE setzt aber nicht nur verstärkt auf Braunkohle: Im Tal der Our an der Grenze zwischen Luxemburg und Deutschland wird das Pumpspeicherwerk Vianden mit 900 MW feierlich in Betrieb genommen. Das RWE ist an dem seit 1925 geplanten Projekt mit 40% beteiligt, das, wie das Koepchenwerk an der Ruhr, dem Ausgleich von Belastungsspitzen und Lasttälern im internationalen Stromverbund dient.


1965

Auf Wunsch umliegender Kommunen wird im Kraftwerk Karnap in Essen die Verbrennung von Hausmüll (damals noch Müllveraschung genannt) aufgenommen. Ab 1975 werden in den Kesseln ausschließlich Müll und Klärschlamm verbrannt.


Die großen wirtschaftlichen Strukturveränderungen der Nachkriegszeit hinterlassen auch beim RWE ihre Spuren. Die seit 1958 anhaltende Kohlenkrise zwingt das Unternehmen zur Einstellung der Kohleförderung auf der letzten RWE-Zeche Victoria Mathias in Essen. Angesichts der immer größeren Kraftwerksleistungen werden die kleinen Steinkohlenkraftwerke des RWE zunehmend unrentabel: Das erste RWE-Kraftwerk, die neben der Zeche Victoria Mathias gelegene Stammzentrale in Essen, wird 1969 stillgelegt. Nach dem Abriss von Zeche und Kraftwerk werden auf dem Gelände mehrere Gebäude für das RWE errichtet, u.a. das Rechenzentrum. Die Gewerkschaft Victoria Mathias wird in die Victoria Mathias Verwaltungsgesellschaft mbH (VM), Essen, umgewandelt, die einen umfangreichen Grundstücks- und Wohnungsbesitz verwaltet.


Die VEW beginnt in Recklinghausen mit der Umstellung der Gasversorgung von Kokereigas auf Erdgas, ein Jahr später leitet die WFG diesen Schritt ein. Bis 1974 (WFG) und 1975 (VEW) sind alle Kunden und die gesamte Infrastruktur auf das neue Gas mit dem höheren Brennwert umgestellt. Das Erdgas eröffnet völlig neue Wachstumsperspektiven, denn bislang war die Gasversorgung abhängig von der Koksproduktion in Deutschland und konnte daher kaum auf eine erhöhte Nachfrage reagieren.


1966

Angesichts des weiterhin hohen Investitionsbedarfs entschließt sich die bislang rein kommunale VEW AG zu einer Kapitalerhöhung, wobei erstmals Aktien an private Investoren ausgegeben werden. Bei der nächsten Kapitalerhöhung zwei Jahre später steigen RWE, Contigas, Deutsche Bank und Allianz bei VEW ein.


1967

Die erstmals vorgelegte Konzernbilanz führt 98 Gesellschaften im Mehrheitsbesitz des RWE auf, davon werden 50 konsolidiert. Dreißig Jahre später listet der Geschäftsbericht 1996/97 759 Unternehmen im Mehrheitsbesitz auf, davon 292 konsolidiert. Vierzig Jahre später hält der Konzern 560 Unternehmen im Mehrheitsbesitz, davon werden 290 in den Konzernabschluss einbezogen.