Chronik 1990-1999
Vom diversifizierten Konzern zum führenden Partner für Energie und energienahe Dienstleistungen in Europa

1990
Die Vielfalt der Aktivitäten der RWE und ihrer Tochtergesellschaften erfordern eine Anpassung und Neuordnung der Konzernstruktur. Das Stammgeschäft, die Stromerzeugung und -verteilung, wird in die neu gegründete RWE Energie AG, Essen, eingebracht. Das Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk AG firmiert nun als RWE Aktiengesellschaft, die als Management-Holding den Konzern führt.
Das operative Geschäft wird in den fünf Unternehmensbereichen Energie, Bergbau und Rohstoffe, Mineralöl und Chemie, Entsorgung sowie Maschinen-, Anlagen- und Gerätebau von den Führungsgesellschaften RWE Energie, Rheinbraun, RWE-DEA, RWE Entsorgung, Rheinelektra und Lahmeyer getätigt. Die neu geschaffene Position des Vorstandsvorsitzenden wird von Friedhelm Gieske übernommen.

Nachdem die RWE AG ihren Anteil an HOCHTIEF auf die Kapitalmehrheit aufstocken kann, tritt als sechster Unternehmensbereich Bau mit der Führungsgesellschaft HOCHTIEF hinzu.

Nach dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung engagieren sich die verschiedenen Unternehmen der RWE-Gruppe und die VEW beim Aufbau der Wirtschaft in den fünf neuen Bundesländern. RWE Energie und die VEW beteiligen sich an der Geschäftsbesorgung der aus dem staatlichen Energiekombinat hervorgegangenen Verbundgesellschaft VEAG Vereinigte Energiewerke AG und einigen Regionalversorger, die große Investitionsprogramme zur Modernisierung der ostdeutschen Stromerzeugung in Angriff nehmen. Die VEW beteiligt sich daneben an drei regionalen Gasversorgern.
RWE-DEA ist federführend innerhalb einer Gruppe von europäischen Mineralölkonzernen, die das ehemalige Petrochemische Kombinat Schwedt 1991 erwerben und als Petrochemie und Kraftstoffe AG Schwedt (PCK), Schwedt/Oder, (später PCK Raffinerie GmbH) zu einem wirtschaftlich überlebensfähigen Chemiestandort entwickeln.
Darüber hinaus werden neue Werke errichtet, so 1993 durch die Heidelberger Druckmaschinen AG in Brandenburg und die SAG in Neumark (Sachsen). HOCHTIEF baut durch den Erwerb von Treuhand-Unternehmen in den neuen Ländern ein flächendeckendes Niederlassungsnetz auf.

1991
Mit dem Erwerb der amerikanischen Vista Chemical Corp., Houston (später CONDEA Vista Company), beginnt der Ausbau der Chemieaktivitäten bei RWE-DEA, die bislang auf zwei Werke in Deutschland konzentriert waren. Später kommen die D. A. C. Chimiche S.p.A., Mailand (1992), und die EniChem Augusta S.p.A., Palermo (1994, später CONDEA Augusta S.p.A.), dazu. Damit wird der Chemiebereich der RWE-DEA, der seit 1996 international unter der Marke CONDEA firmiert, einer der weltweit führenden Anbieter von Waschmittelrohstoffen und Tonerden

1992
Auch Rheinbraun verstärkt ihr Engagement in Nordamerika. Unter Einbringung ihrer bisherigen Steinkohlenbeteiligungen erwirbt sie 50 % der Anteile an der Consol Energy Inc., Wilmington/Delaware. Dieses Gemeinschaftsunternehmen mit dem amerikanischen Chemiekonzern DuPont ist nach dem Erwerb weiterer Gruben drittgrößter Steinkohleproduzent der USA. Nach dem fast vollständigen Rückzug von DuPont ist Rheinbraun seit 1998 Mehrheitsaktionär bei Consol.

Die VEW setzt wie RWE auf Diversifizierung. Sie erwirbt die Mehrheit an der Harpener AG, Dortmund, die in eine ökonomische Schieflage geraten war. Harpen ist vor allem im Energiebereich, im Immobiliengeschäft und in der Logistik aktiv. Die VEW erwirbt darüber hinaus eine erste Beteiligung an dem Iserlohner Entsorgungsunternehmen Edelhoff, das sie 1994 vollständig übernimmt.

1994
Nach langen, kontroversen Diskussionen kann die Privatisierung der ostdeutschen Energiewirtschaft zum Abschluss gebracht werden. Als Verbundunternehmen wickelt die VEAG Vereinigte Energiewerke AG, Berlin, große Teile der Stromerzeugung und die Hochspann ungsübertragung ab. Hauptabnehmer sind zwölf neu gegründete Regionalversorgungsunternehmen. RWE Energie und VEW beteiligen sich mit den anderen westdeutschen Verbundunternehmen an der VEAG und erwerben die Mehrheit an drei beziehungsweise einem ostdeutschen Regionalversorger.

Parallel dazu übernehmen Rheinbraun und RWE Energie im Rahmen eines Konsortiums mehrheitlich die Anteile der Lausitzer Braunkohle Aktiengesellschaft (LAUBAG), Senftenberg. Auf der Grundlage der festen Lieferbeziehungen zur VEAG, die ausschließlich Braunkohle für die Elektrizitätserzeugung einsetzt, kann die LAUBAG nun eine zukunftsweisende Revierkonzeption umsetzen.

Nachdem RWE bereits seit fünf Jahren im Bereich Telekommunikation aktiv ist (u.a. Beteiligung an Ausschreibungen für private Mobilfunklizenzen, Erwerb von Service-Providern, strategische Allianzen), werden die bisher an verschiedenen Stellen im Konzern angesiedelten Telekom-Aktivitäten in der RWE Telliance AG, Essen, zusammengeführt.

1995
Die zunehmende Privatisierung und Deregulierung der europäischen Energiewirtschaft bietet Chancen zur weiteren Internationalisierung der RWE-Gruppe: Neben Aktivitäten in Tschechien, Portugal und Kroatien beteiligt sich RWE Energie u. a. an ungarischen Energieversorgungsunternehmen und an der Schweizer Motor Columbus AG, Olten (1997). Die VEW beginnt mit der Internationalisierung ihres Geschäfts. Die VEW Energie erwirbt erste Beteiligungen an zwei regionalen Gasversorgern in Ungarn.

Fünf Jahre nach RWE ordnet auch die VEW nach erfolgter Diversifizierung den Konzern neu. Aus dem Vereinigten Elektrizitätswerk Westfalen AG wird die VEW AG, die als Holding den Konzern steuert. Das Energiegeschäft des Vereinigten Elektrizitätswerks Westfalen wird in die VEW Energie, Dortmund, eingebracht. Weitere so genannte Führungsgesellschaften sind die MEAG Mitteldeutsche Energie AG, Halle/Saale, Harpen (Dienstleistungen) und Edelhoff (Entsorgung).

1996
Bei RWE Energie machen sich die langjährigen Bemühungen bei der Energieforschung bezahlt: Das Unternehmen beschließt, am Standort Niederaußem im rheinischen Braunkohlenrevier einen Braunkohleblock mit optimierter Anlagentechnik (BoA) mit 1000 MW zu errichten, der durch Verbesserungen in allen Bereichen einen Nettowirkungsgrad von über 43% (gegenüber 35,5% bei einem 600-MW-Block Mitte der 70er Jahre) erreicht. Neben einem kostengünstigeren Betrieb bedeutet dies durch die bessere Ausnutzung der eingesetzten Braunkohle eine Entlastung der Umwelt.

Nach genau sechzig Jahren steigt RWE wieder ins Gasgeschäft ein: Im Tausch gegen Anteile an der Isarwerke GmbH übernimmt RWE von der Bayernwerk AG 50 Prozent der Anteile an dem Ferngasunternehmen Thyssengas GmbH, Duisburg.

1997
Die seit 1990 bestehende neue Struktur der RWE-Gruppe findet nun auch architektonisch ihren Niederschlag: Die RWE AG bezieht ihren neuen Konzernsitz am Opernplatz in Essen, der mit seiner schlanken und transparenten Architektur einen städtebaulichen Akzent im Ruhrgebiet setzt.

Neue Führungsgesellschaft für den Unternehmensbereich Maschinen-, Anlagen-, Gerätebau und Telekommunikation wird die LAHMEYER AG, Frankfurt/Main, die aus der Fusion der bisherigen Führungsgesellschaften Lahmeyer AG für Energiewirtschaft und Rheinelektra AG entstanden ist.

Mit dem Ziel, einer der großen privaten Konkurrenten der Deutschen Telekom nach dem Wegfall des Fernsprechmonopols 1998 zu werden, bringen die VEBA AG und die RWE AG ihre inländischen Telekommunikationsaktivitäten in das Gemeinschaftsunternehmen o.tel.o Communications GmbH & Co., Düsseldorf ein. Die Gesellschaft kann im Laufe des Jahres ihre Beteiligung an Mobilfunkbetreiber E-Plus auf eine Mehrheitsposition erhöhen.

Über Umwege kann die VEW ihr Gasgeschäft deutlich ausbauen. Da die ursprünglich direkt angestrebte Fusion von VEW und WFG beim Kartellamt auf Bedenken stößt, gründen beide Gesellschaften die Westfälische Gasversorgung AG & Co. KG (WGV). In sie werden Gasbeschaffung und –transport von WFG und VEW Energie eingebracht. Anfang Januar 2000 kann dann die WGV auf die WFG verschmolzen werden. An der vergrößerten WFG hält die VEW AG nun die Mehrheit und integriert das Unternehmen als fünfte Führungsgesellschaft in den Konzern.

1998
Nach mehrjährigen Auseinandersetzungen gelingt die Abschaffung der von Analysten und Anlegern kritisierten kommunalen Mehrstimmrechte, ohne dass RWE finanziell belastet wird: Die kommunalen Aktionäre verkaufen ihre Mehrstimmrechte an Vorzugsaktionäre, die damit ihre stimmrechtslosen Aktien in stimmberechtigte Stammaktien umwandeln. Nachdem im April im Rahmen eines Bookbuilding-Verfahrens die Höhe der Umwandlungsprämie ermittelt worden ist, erfolgt bis zum 25. Juni die Umwandlung von 135 Mio. Vorzugs- in Stammaktien. Die kommunalen Körperschaften verfügen nunmehr über 30 Prozent der Stimmen.

Die seit Mitte 1997 laufende Restrukturierung des Unternehmensbereichs Entsorgung findet mit der Umbenennung in Umweltdienstleistungen und der Umfirmierung der RWE Entsorgung in RWE Umwelt AG ihren Abschluss. Das Unternehmen konzentriert sich auf die vier Sparten Abfall und Recycling Deutschland und International, Umweltconsulting und Wasser/Abwasser.

Die Aufschluss- und Gewinnungsaktivitäten der 1969 auf Betreiben der Bundesregierung gegründeten Deutsche Erdölversorgungs-GmbH (DEMINEX) werden unter ihren Gesellschaftern aufgeteilt. Die RWE-DEA übernimmt mehrheitlich die bisherigen Aktivitäten der Deminex in Norwegen und Ägypten und verstärkt dort in der Folgezeit die Suche nach Erdöl und Erdgas.

1999
Auf dem deutschen Telekommunikationsmarkt entwickelt sich seit der Marktöffnung Anfang 1998 ein harter Wettbewerb, der zu einem dramatischen Verfall von Preisen und Margen führt. Gleichzeitig tritt mit der Liberalisierung der europäischen Energiemärkte eine radikale Veränderung der Wettbewerbsposition auf den angestammten Tätigkeitsfeldern des RWE-Konzerns ein. Um hier auch langfristig wettbewerbsfähig zu sein, beginnt im Sommer 1999 im Rahmen des „Multi Utility/Multi Energy-Konzepts“ eine Bündelung der Arbeitsgebiete und Ressourcen auf das Kerngeschäft Energie und energienahe Dienstleistungen.

Vor diesem Hintergrund trennt sich RWE gemeinsam mit VEBA im Laufe des Jahres von wesentlichen Telekommunikationsbeteiligungen: Die Festnetzaktivitäten und der Markenname o.tel.o werden an Mannesmann Arcor verkauft, das Kabelgeschäft der o.tel.o-Tochter TeleColumbus an die Deutsche Bank-Tochter DB Investor. Im Oktober veräußern RWE und VEBA schließlich ihre Mehrheitsbeteiligung am Mobilfunkbetreiber E-Plus an France Telecom.

RWE Energie baut ihr Energiehandelsgeschäft aus. Das Unternehmen gründet in London die RWE Energy Trading Limited, die Ende des Jahres den physischen Handel mit Strom und den Handel mit anderen Energien wie Kohle, Öl und Gas in Form von Derivaten aufnimmt. Unterstützt werden die Händler in London durch das Back Office und das Risikocontrolling bei der RWE Energie in Essen.

RWE beteiligt sich im Rahmen eines Konsortiums an der Teilprivatisierung der Berliner Wasserbetriebe (BWB). Das Konsortium erwirbt einen Anteil von 49,9 Prozent an dem Unternehmen, das im Großraum Berlin 3,5 Millionen Menschen mit Trinkwasser versorgt und Abwasser von 3,9 Millionen Menschen entsorgt.


