Bis 2045 CO2-neutral?

Es sind ehrgeizige Pläne, die die EU-Kommission in der vergangenen Woche vorgestellt hat: In den kommenden 30 Jahren soll Europa klimaneutral werden, das heißt, bis 2050 nicht mehr Treibhausgase ausstoßen, als in Wäldern oder mit technischen Maßnahmen gebunden werden können. Mit diesem Ziel beschäftigt sich auch eine neue Studie des europäischen Dachverbands der Stromindustrie, Eurelectric. Die „Union der Elektrizitätswirtschaft“ mit Sitz in Brüssel hält einen Ausstieg aus großen Teilen der fossilen Kraftwerke bis 2045 für möglich – und finanziell verkraftbar.

Die Studie knüpft an einen ersten, bereits im Mai vorgestellten Teil an, der sich mit der Dekarbonisierung der Sektoren Gebäude, Verkehr und Industrie beschäftigte. „Dekarbonisierung in diesen Sektoren bedeutet Elektrifizierung", unterstrich Eurelectric-Generalsekretär Kristian Ruby bei der Präsentation der neuen Studie in der belgischen Hauptstadt. Da sich die Stromnachfrage im Jahre 2050 bei einer 95-prozentigen Dekarbonisierung der europäischen Wirtschaft gegenüber heute auf etwa 6000 TWh verdoppeln würde, gehen die Autoren nun der Frage nach, ob und wie dieser Strom mit möglichst wenig oder gar keinen Treibhausgasen produziert werden kann.

Ihr Kernergebnis: Die treibhausgasneutrale Bereitstellung von Strom ist bis zum Jahr 2045 möglich. Dafür ist allerdings ein ganzer Mix an Maßnahmen im Stromsektor notwendig. Der Ausbau erneuerbarer Energien ist eine davon. Eine wichtige, aber bei weitem nicht die einzige. Der Anteil der regenerativen Energien, vor allem von Wind und Sonne, wird Mitte des Jahrhunderts europaweit bei mehr als 80 Prozent liegen müssen. Für Versorgungssicherheit und Flexibilität müssen laut der Studie, die den Namen „Decarbonisation Pathways" trägt, ein ganzes Bündel von Technologien herangezogen werden: Neben Kernenergie und Gas müssen vor allem neue Technologien wie Batteriespeicher, Wasserstoffelektrolyse und andere Formen der Speicherung von grünem Strom wie Power-to-Gas einen Beitrag leisten. Diese müssen allerdings häufig erst noch zur Marktreife gebracht werden. Deswegen sind technischer Fortschritt und Innovationen bei diesen Technologien eine wichtige Voraussetzung für die Dekarbonisierung der Stromerzeugung.

Die Autoren würdigen bei ihrer Analyse die unterschiedlichen Situationen und Ausgangsbedingungen in den einzelnen Ländern. Sie sehen einen möglichen Kernenergie-Ausbau in Osteuropa genauso wie die wichtige Bedeutung von Kohle in Deutschland und Zentraleuropa bis zum Jahre 2040. Ihre klare Botschaft: Konventionelle Kraftwerke sind für die Systemstabilität auch in Zukunft weiter erforderlich. Deren (unvermeidbare) Emissionen werden mit Hilfe von CCS (CO2-Abscheidung und Speicherung) oder CCU (CO2-Abscheidung und Verwendung) aufgefangen.

Um das Ziel einer weitgehend dekarbonisierten europäischen Wirtschaft zu erreichen, sind laut der Experten massive Investitionen notwendig. Im ersten Teil der „Decarbonisation Pathways" wurden diese bis 2045 auf 89 bis 111 Milliarden Euro jährlich beziffert. Gewaltige Summen. Die Autoren sind sich dennoch sicher: „Die Kosten für eine weitgehend CO2-freie Stromversorgung werden deutlich niedriger sein als bisher angenommen.“ Wichtigste Voraussetzung für diese nicht ganz unumstrittene Annahme ist jedoch eine rapide Kostensenkung bei den Erneuerbaren Energien und den neuen Technologien.
Die Eurelectric-Studie finden Sie hier.

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