WAZ vom 04.05.2026

„Das würde die Erneuerbaren massiv ausbremsen“

Eine dunkel gekleidete Person mit dunkelblauem Blazer und olivgrünem Oberteil sitzt am hellen Holztisch eines Besprechungsraums mit weißen vertikalen Jalousien und gestikuliert mit den Händen.

Vor knapp fünf Jahren schrieb das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ über Sie: „Wie Frau Sury das Ruhrgebiet zum Wasserstoff-Wunderland machen will.“ Die großen Erwartungen an den Wasserstoff-Hochlauf in Deutschland haben sich aber nicht erfüllt – oder?

Für RWE ging und geht es um den Aufbau des Wasserstoff-Geschäfts. Dabei sind wir erfolgreich. Als eines der wenigen Unternehmen in Deutschland haben wir mit einem großen Unternehmen einen langfristigen Liefervertrag für klimaneutralen Wasserstoff abgeschlossen. Wir verkaufen ab 2030 pro Jahr rund 30.000 Tonnen grünen Wasserstoff an Total Energies aus unserer 300-Megawatt-Anlage im niedersächsischen Lingen. Das ist der bislang größte Vertrag für klimaneutralen Wasserstoff aus einer deutschen Elektrolyse-Anlage.

Sie haben nun bei RWE einen neuen Job. Ihr Posten innerhalb des Vorstands der RWE-Tochterfirma Generation SE ist aufgelöst worden, stattdessen soll Generation-Chef Nikolaus Valerius das Wasserstoff-Geschäft zusätzlich zu seinen bestehenden Aufgaben übernehmen. Gibt es bei RWE nicht mehr genug zu tun in Sachen Wasserstoff?

Wir haben erfolgreich erste konkrete Wasserstoffprojekte umgesetzt und lassen auch nicht locker. Der Wasserstoff-Hochlauf dauert in erster Linie wegen nicht pragmatischer Regulierung etwas länger als ursprünglich gedacht. Aber Wasserstoff wird langfristig gebraucht, um eine klimaneutrale Industrie in Europa aufzubauen.

Seit Anfang April sind Sie Chefin der Renewables-Tochter von RWE – und damit verantwortlich für das Geschäft mit Photovoltaik, Windrädern und benachbarten Energiespeichern auf dem deutschen Festland, in Europa und Australien. RWE-Chef Krebber will massiv in den USA investieren. Kommt das heimische Geschäft zu kurz?

Keineswegs. Wie kommen Sie denn darauf?

In den nächsten sechs Jahren will RWE rund 17 Milliarden Euro auf dem US-Markt investieren. Das ist knapp die Hälfte der 35 Milliarden Euro, die der Konzern bis zum Jahr 2031 insgesamt für den Ausbau des Erneuerbaren-Geschäfts in die Hand nehmen will. Warum kommt vergleichsweise wenig Geld in Deutschland an?

Von den 35 Milliarden Euro fließen rund sieben Milliarden Euro in meinen Bereich. Von den sieben Milliarden sind 3,5 Milliarden, also die Hälfte, für Deutschland vorgesehen. Das kann sich sehen lassen. Sieben Milliarden Euro – das bedeutet: viele neue Windräder, größere Solarparks und zusätzliche Batteriespeicher, also spürbar mehr klimafreundliche Stromproduktion auch hierzulande.

3,5 Milliarden Euro für Deutschland – das sind allerdings nur 10 Prozent des gesamten Investitionsvolumens von RWE für die nächsten sechs Jahre.

Hinzu kommen noch weitere Investitionen von RWE in Deutschland: In Windkraft-Projekte auf hoher See, in große Batteriespeicher und in wasserstofffähige Gaskraftwerke, die als flexible Back-Up-Kapazitäten den Ausbau der Erneuerbaren Energien flankieren. RWE wird die Chancen, die sich in unserem Heimatmarkt bieten, entschlossen nutzen.

Deutschlands Energiepolitik wird kontrovers diskutiert. AfD-Chefin Alice Weidel sprach vor einigen Monaten von „Windmühlen der Schande“ und davon, dass ihre Partei die Windkraftwerke „niederreißen“ wolle. 

Das wäre eine Vernichtung volkswirtschaftlichen Kapitals und würde die Kosten der Energiewende in keinerlei Hinsicht verringern. Knapp 60 Prozent des Stroms in Deutschland stammen bereits aus Erneuerbaren Energien. Und das aus gutem Grund: Je stärker wir unser Energiesystem elektrifizieren und je größer der Anteil von Wind- und Solarstrom am Energiemix ist, desto unabhängiger werden wir von fossilen Importen und geopolitischen Risiken.

Viele Verbraucherinnen und Verbraucher nehmen wahr, dass die Strompreise angesichts der Krise im Nahen Osten wieder steigen. Gibt es eine neue Energiekrise? 

Es gibt eine Krise der fossilen Energien. Die Großhandelspreise, die sich auf die Endkundentarife auswirken, sind allerdings nur ein Faktor bei der Stromrechnung. Steuern, Umlagen und Netzkosten machen viel aus. Die reinen Produktionskosten sind nicht der Kostentreiber. Vor allem Strom aus Erneuerbaren Energien ist sehr günstig.

Da Gaskraftwerke oft den Einkaufspreis für Strom an den Börsen bestimmen, führt ein höherer Erdgaspreis – wie angesichts des Iran-Kriegs – häufig zu einem höheren Strompreis. Ist diese Systematik – in der Energiebranche als „Merit-Order“ bekannt – aus Ihrer Sicht weiterhin sinnvoll?

Ja. Die Gaskraftwerke sind so etwas wie die Feuerwehr in unserer Branche. Und die Feuerwehr wird auch nicht nur dann bezahlt, wenn sie zum Einsatz ausrückt. Je mehr wir Strom aus Wind und Sonne erzeugen, desto seltener passiert das – dann sinkt auch der durchschnittliche Preis. Die Sonne schreibt uns keine Rechnung, der Wind auch nicht. Jetzt geht es um Investitionen, die sich langfristig positiv auswirken werden.

Pläne des von Katherina Reiche geführten Bundeswirtschaftsministeriums sehen vor, dass neue Erneuerbare-Energien-Anlagen dort, wo es Netzengpässe gibt, nur dann angeschlossen werden, wenn die Betreiber höhere wirtschaftliche Risiken eingehen: Sie sollen auf Entschädigungen verzichten, falls beispielsweise ein Windrad aufgrund einer Überlastung des Stromnetzes ausgeschaltet werden muss. 

Das würde die Erneuerbaren in Deutschland massiv ausbremsen, denn unter solchen unkalkulierbaren Bedingungen sind neue Windparks nicht planbar und kaum ein Investor würde noch Geld in neue Anlagen investieren. Damit ist am Ende niemandem geholfen.

Auch RWE-Chef Markus Krebber hat kritisiert, die Kosten für die Energiewende in Deutschland seien zu hoch. „Wir sollten aufhören, an den falschen Stellen weitere Wind- und Solaranlagen zu bauen“, sagte er.

Markus Krebber hat recht. Es ergibt keinen Sinn, Erneuerbaren-Anlagen dort zu bauen, wo die Netze überlastet sind.

Was schlagen Sie vor?

Betreiber von Erneuerbaren-Anlagen, die in Regionen, in denen das Netz bereits ausgelastet ist, bauen wollen, sollten einen Zuschuss zum von ihnen ausgelösten Netzausbau beisteuern. Das führt automatisch dazu, dass vor allem dort gebaut wird, wo das Netz noch Kapazitäten hat. Das Problem sind nicht die neuen Windräder oder Photovoltaikanlagen, sondern ein Netz, das nicht Schritt hält mit dem Ausbau.

Das klingt nach einem Schwarzer-Peter-Spiel zwischen den Stromerzeugern und Netzbetreibern. 

Fakt ist, dass es in den Bereichen unterschiedliche Geschwindigkeiten gibt. Das ist ein bisschen wie bei Stoßzeiten im Straßenverkehr – manche Autos können dann auf der Autobahn fahren, während andere eine Schotterpiste nehmen müssen. Die Genehmigungen für neue Windräder kommen deutlich schneller als in früheren Jahren, aber der Netzausbau nimmt weiterhin viele Jahre in Anspruch.

Christoph Müller, der Chef des Netzbetreibers Amprion, verweist darauf, dass die Nachfrage nach Strom in Deutschland zuletzt sogar zurückgegangen sei. 

Der Hunger nach Strom in Deutschland wird zunehmen – insbesondere durch den steigenden Bedarf von Rechenzentren, Wärmepumpen und Elektroautos. Hinzu kommt ein strategisches Argument: Die Elektrifizierung kann entscheidend dazu beitragen, dass wir in geopolitisch unsicheren Zeiten mehr Unabhängigkeit in der Energieversorgung gewinnen.

© FUNKE Medien NRW GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Das Interview führte Ulf Meinke.

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