
RWE-Chef Markus Krebber rechnet mit weiter steigenden Strompreisen. Beim Kraftwerksgesetz der Bundeswirtschaftsministerin sieht er noch Korrekturbedarf.
Geht es um die Wirtschaftskrise und zu hohe Energiepreise, ist die Ursache für Markus Krebber (53) schnell gefunden: Jahrelang habe Deutschland „nur Abschaltdebatten geführt“ um Kohle- und Atomkraftwerke, und jetzt seien sie da, die Knappheiten und die hohen Preise. Für den Vorstandsvorsitzenden des größten deutschen Kraftwerksbetreibers RWE gibt es genau einen Weg heraus aus der Misere: Stromerzeuger und Netze bauen, schnell und koordiniert. Im Hauptstadtbüro an der Berliner Friedrichstraße erklärt der gelernte Bankkaufmann und frühere McKinsey-Berater, was auf die deutsche Energiewirtschaft in den nächsten Jahren zukommt, wie sich die Strompreise entwickeln und was er am geplanten Fördergesetz für neue Gaskraftwerke von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche noch alles ändern wurde.
Welt am Sonntag: Herr Krebber, Deutschland wird von vier Plagen heimgesucht. Bürokratie, hohe Steuern, Arbeitskosten und Energiepreise. Welche Aussichten gibt es auf Erlösung von Plage Nummer vier? In dem neuen „Programm für Aufschwung und Beschäftigung“ der Bundesregierung steht dazu nicht viel.
Krebber: Es gibt dazu eine gute und eine schlechte Nachricht.
Welt am Sonntag: Die schlechte zuerst.
Krebber: Ich erwarte, dass die Strompreise in den kommenden Jahren eher nicht sinken werden. Insbesondere der notwendige Netzausbau ist kapitalintensiv. Zudem wird der Energieverbrauch in Europa durch Datencenter, Robotik und die Elektrifizierung von Verkehr und Heizungen kontinuierlich steigen. Diese erhöhte Nachfrage sorgt an sich schon für höhere Preise. Hinzu kommt, dass die Zahlungsbereitschaft für Strom in diesen neuen Anwendungen nochmal deutlich höher ist als in vielen klassischen Industrien. Auch das zieht das allgemeine Preisniveau nach oben.
Welt am Sonntag: Lässt sich die Deindustrialisierung dann noch stoppen? Volkswagen plant angeblich schon den Abbau von 100.000 Arbeitsplätzen.
Krebber: Die energieintensive Industrie braucht gezielte Entlastung, um international wettbewerbsfähig zu sein: Eine langfristige freie Zuteilung von CO2-Zertifikaten, eine Befreiung von Netzentgelten sowie Entlastung von Steuern und Abgaben. Auch andere Industrieländer, die auf Energieimporte angewiesen sind – etwa Japan, Korea oder die Küstenregionen der USA haben Modelle und besondere Preisregelungen für energieintensive Industrien. Zugleich braucht es weiterhin einen massiven Zubau von Stromerzeugung und Netzen, um langfristig über mehr Angebot die Preise zu stabilisieren. Jetzt abzuwarten oder nicht weiter in die Energieversorgung zu investieren, würde zu neuen Knappheiten und zu noch höheren Preisen führen. Das wäre definitiv die schlechtere Alternative.
Welt am Sonntag: Was ist die gute Nachricht?
Krebber: Die gute Nachricht ist: Bezogen auf den Zubau neuer Kapazitäten steht Deutschland bei den Strompreisen gar nicht so schlecht da, wie man glaubt.
Welt am Sonntag: Warum nicht?
Krebber: Weil es dieselbe Preisentwicklung auch anderswo gibt. Etwa in unserem zweiten großen Kernmarkt, den USA. Auch dort steigen die Strompreise stark. Datencenter-Betreiber zum Beispiel akzeptieren für die Wiederinbetriebnahme von Kraftwerken oder beim Zubau neuer Erzeugungskapazität Strompreise, die noch über dem ohnehin schon hohen deutschen Großhandelspreis liegen. Das zeigt, wie stark die Zahlungsbereitschaft in den neuen Wirtschaftssektoren ausgeprägt ist. Die Stromkosten sind für den Ausbau der neuen Wirtschaftssektoren offensichtlich nicht der entscheidende Faktor. Entscheidend ist, ob überhaupt ausreichend Strom verfügbar und das Netz belastbar ist.
Welt am Sonntag: In Deutschland ist ausreichend Strom verfügbar – allerdings nur, wenn die Sonne scheint und der Wind weht. Und Netzanschlüsse sind ausverkauft.
Krebber: Beim Ausbau der Erneuerbaren gibt es seit Jahren große Fortschritte. Auch wir investieren hier kräftig. Auf der anderen Seite braucht es gesicherte Leistung für Zeiten, in denen zu wenig Strom aus Wind und Sonne produziert wird. Da haben wir über Jahre in Deutschland nur Abschaltdebatten geführt und deutlich mehr gesicherte Leistung stillgelegt als neu aufgebaut. Die dadurch entstandenen Knappheiten erleben wir heute in Form hoher Preise. Unter dem Strich ist das Stromangebot in Deutschland in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren um rund 100 Terawattstunden gesunken. Die Knappheitspreise haben zum Rückgang der industriellen Nachfrage beigetragen. Das Gebot der Stunde muss deshalb sein, Netze und Erzeugungskapazitäten schnell und koordiniert auszubauen.
Welt am Sonntag: War die Energiewende ein Fehlschlag?
Krebber: Ob die Energiewende funktioniert oder nicht, ist für mich die falsche Debatte. Tatsache ist: Durch die politischen Entscheidungen der Stilllegungen von Kohle- und Kernkraftwerken sind Knappheiten entstanden und hier müssen jetzt wieder Kapazitäten aufgebaut werden. Von heute an geht es darum, ob wir die Voraussetzungen schaffen, damit sich unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft auch künftig an Innovationen wie Künstlicher Intelligenz, Robotik und anderen stromintensiven Technologien beteiligen kann. Wollen wir weiter rückwärtsgewandte Debatten darüber führen, was in der Vergangenheit richtig oder falsch war? Oder kümmern wir uns um die entscheidende Zukunftsfrage: Wie schaffen wir Investitionsbedingungen, damit der Ausbau von Erzeugungskapazitäten und Netzen gelingt?
Welt am Sonntag: Wie lautet Ihre Antwort?
Krebber: Interessanterweise sehen wir auf beiden Seiten des Atlantiks denselben Mix beim Zubau neuer Kapazitäten: Windkraft, Photovoltaik, Batteriespeicher und Gaskraftwerke. Ganz offensichtlich entscheidet nicht irgendeine Ideologie darüber, welche Art von Stromerzeugern gebaut werden, sondern allein die technische und wirtschaftliche Attraktivität. Insofern können wir auf den Begriff Energiewende eigentlich verzichten. Denn es geht nicht um irgendeine Wende, sondern um die kluge Gestaltung der künftigen Energieversorgung. Und in den USA kommt man diesbezüglich zu demselben Ergebnis wie in Europa.
Welt am Sonntag: Es muss Unterschiede zu den USA geben: Schließlich investieren Sie dort in den nächsten Jahren doppelt soviel wie in Deutschland.
Krebber: Natürlich gibt es die Besonderheit, dass die US-Regierung Offshore-Wind ablehnt und sich insgesamt kritisch gegenüber erneuerbaren Energien äußert. Zugleich sind dort mehr Datencenter schneller am Netz als bei uns, deshalb steigt die Stromnachfrage dort stärker. Trotzdem wird am Ende das Gleiche gebaut. Im Übrigen führt unser Engagement in den in den USA nicht dazu, dass wir in Europa weniger investieren. Wir investieren in Deutschland alles, was wirtschaftlich sinnvoll möglich ist. Wir bauen Offshore- und Onshore Windparks, PV, gehören zu den größten Batteriespeicher-Investoren und bauen einen der größten Elektrolyseure. Und wir sind bereit, in neue Gaskraftwerke zu investieren, sobald die Bundesregierung den Bedarf öffentlich ausschreibt. Ich hoffe, dass der Bundestag das Kraftwerksgesetz StromVKG noch vor der Sommerpause verabschiedet.
Welt am Sonntag: Das Parlament tut sich damit schwer: Kritiker bemängeln, dass das Bundeswirtschaftsministerium die Ausschreibungen für neue Gaskraftwerke an Bedingungen knüpft, die für kleine Energieversorger und Stadtwerke kaum zu leisten sind.
Krebber: Die Richtung stimmt grundsätzlich. Aber ein Teil der Kritik ist auch berechtigt. Im Gesetzentwurf wurden Preisobergrenzen genannt, die viele Investoren vom Bau neuer Kraftwerke abschrecken könnten. Auch die Anforderung an den Investor, netzdienliche Leistungen zu erbringen, gehören da eigentlich nicht rein. Ich bin zuversichtlich, dass es im parlamentarischen Verfahren gelingt, dafür Lösungen zu finden. Meine Erwartung ist, dass aus dem parlamentarischen Verfahren ein gutes Gesetz hervorgeht. Im. September sollten wir dann die erste erfolgreiche Auktionsrunde sehen und unser Unternehmen wird hoffentlich zu den Gewinnern gehören – weil wir mit die günstigsten Anlagen anbieten können.
Welt am Sonntag: Es gibt sogar Befürchtungen, dass wegen der Ausschreibungsbedingungen hauptsächlich RWE zum Zuge kommt und die Marktmacht des größten deutschen Kraftwerksbetreibers damit weiterwächst. Droht im parlamentarischen Verfahren noch eine Begrenzung, wie viele neue Kraftwerke RWE maximal bauen darf?
Krebber: Wir sind durch politische Entscheidungen gezwungen worden, Kraftwerkskapazitäten im zweistelligen Gigawattbereich stillzulegen. Dadurch müssen über 10.000 Arbeitsplätze abgebaut werden Jetzt wollen wir bis zu drei Gigawatt neu bauen – also nicht einmal annähernd das ersetzen, was wir bereits vom Netz genommen haben. Wenn man uns dabei jetzt künstliche Grenzen setzten würde, wären die Bemühungen der Kohleregionen um Strukturwandel ad absurdum geführt. Eine solche Begrenzung wäre aus meiner Sicht eine verheerende Botschaft – für das Unternehmen und für den Standort. Statt einem Wettbewerb um das günstigste Kraftwerk würde man am Ende eine künstliche Atomisierung des Marktes schaffen, die die Kosten eher erhöht als senkt. Bislang haben wir unser Geschäft relativ gleichmäßig auf die drei Kernmärkte USA, Großbritannien und Deutschland verteilt. In all diesen Märkten wachsen wir netto, nur in Deutschland schrumpft unser Portfolio – aus politischen Gründen. Ich kann mir deshalb nicht vorstellen, dass wir ausgerechnet hier durch Marktanteilsgrenzen beschränkt werden. Wir würden gern mehr in Deutschland investieren.