
RWE ist der größte deutsche Stromerzeuger, der Strompreis ist für Firmen und Verbraucher zentral. Wohin geht er?
Der jährliche Stromverbrauch in Deutschland ist seit der Corona- und Energiekrise um ein Sechstel auf 500 Terawattstunden gesunken. Dass die Großhandelspreise trotzdem hoch bleiben, zeigt, dass die Erzeugungskapazitäten knapp sind. Es muss dringend zugebaut werden.
Was heißt das für Stromkunden?
Ich gehe für 2026 von stabilen Großhandelspreisen aus. Da der Staat die Netzentgelte bezuschusst, wird es für viele Stromkunden unterm Strich 2026 günstiger werden. Auf mittlere Frist erwarte ich stabile Preise: Erzeugung wird günstiger, Netzentgelte werden teurer. Unabhängig davon muss die Industrie strukturell entlastet werden.
Sie sind für den Industriestrompreis? Der Bäcker bekommt diese Subvention nicht …
Der braucht sie auch nicht, weil er nicht im internationalen Wettbewerb steht. Texas, Australien, der Mittlere Osten können wegen ihrer Öl- und Gasvorräte niedrige Preise bieten. Deutschland konnte das, als es auf russisches Gas setzte. Das ist aus bekannten Gründen vorbei. Was Sie Subvention nennen, nenne ich bewusste Preisgestaltung – ohne diese werden wir viel Industrie und Wertschöpfungsketten verlieren.
Wie sieht es beim Gaspreis aus?
Wir werden nach heutiger Einschätzung gut durch den Winter kommen, das erwartet auch der Markt. Und er erwartet, dass die Gaspreise in den nächsten zwei Jahren sogar sinken, weil das Angebot an Flüssiggas (LNG) sich erhöhen wird.
Sind Sie nicht besorgt, weil die Gasspeicher in Deutschland nur zu rund 60 Prozent gefüllt sind?
Im Moment nicht. Bei einem normal kalten Winter hat Deutschland kein Problem beim Gas, die Lieferwege sind stabil. Doch das Energiesystem ist auf Kante genäht, das ist riskant. Wenn man jeden Winter schaffen will, auch wenn es sehr kalt wird oder es Lieferausfälle gibt, ist es wichtig, die LNG-Terminals auszubauen.
Stichwort Russland: Werden die Nord-Stream-Pipelines jemals wieder in Betrieb gehen?
Erst muss es einen stabilen Frieden und Sicherheitsgarantien für die Ukraine geben, dann erst stellen sich wirtschaftliche Fragen. Auch Deutschland ist nach 1945 in die Weltwirtschaft zurückkehrt. Klar ist aber auch: Wir dürfen nie wieder abhängig werden von einzelnen Zulieferern.
Seit Mai ist die schwarz-rote Bundesregierung im Amt. Macht sie einen guten Job?
In der Außenpolitik ja, Deutschland ist als wichtige Stimme wieder wahrnehmbar. Die wirtschaftliche Lage ist schwierig. In der Energiepolitik setzt die Regierung die richtigen Prioritäten: Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit, Kosteneffizienz. Jetzt müssen unter anderem schnell die neuen Gaskraftwerke ausgeschrieben werden.
Vor zwei Jahren haben Sie gesagt, bis 2025 müsse die Ausschreibung kommen, sonst werde das nichts mit dem Kohleausstieg 2030 in NRW. Ist hier der Kohleausstieg noch möglich?
RWE will 2030 aus der Kohle raus. Wir wollen drei Gigawatt an neuen Gaskraftwerken bauen und haben die Planung trotz der politischen Unsicherheit vorangetrieben. Wir brauchen im ersten Quartal 2026 die Ausschreibung, dann können die ersten Gasblöcke bis Ende 2029 in Betrieb gehen.
Wenn es Verzögerungen gibt: Läuft die Braunkohle dann über 2030 hinaus?
2026 wird die Bundesregierung das Ausstiegsdatum überprüfen. Danach ist es eine Entscheidung der Politik, ob sie wünscht, dass unsere Braunkohle-Kraftwerke nach 2030 drei weitere Jahre in die Reserve gehen. Doch dann muss der Staat diese Reserve organisieren und auch die nötigen CO2-Zertifikate bezahlen. Wir halten die Anlagen dann nur noch gegen Kostenerstattung im Auftrag der Regierung bereit.
Um welchen Ihrer drei Tagebaue geht es?
Die Verlängerung würde Garzweiler betreffen. Aber nach einer möglichen Reserve ist auch dort in den festgelegten Tagebaugrenzen keine Braunkohle mehr abbaubar.
Was hieße eine Verlängerung bis 2033 für die RWE-Mitarbeiter? Müssen Sie Kollegen aus der Rente zurückholen?
Wir holen keinen aus der Rente zurück. Aber es würden weniger Mitarbeiter als geplant 2030 über den Bezug von Anpassungsgeld in den Ruhestand gehen. Derzeit haben wir rund 6000 Mitarbeiterin der Braunkohle. Bis 2030 soll die Zahl auf rund 2000 sinken.
Wie muss die Ausschreibung aussehen, damit RWE Gasblöcke baut?
Sie muss schlank sein, die EU sollte kein Jahr vorschreiben, in dem von Erdgas auf grünen Wasserstoff umgestellt werden muss – sondern dies dem Markt überlassen. Und wir brauchen Investitionssicherheit. Da die Blöcke nur einspringen, wenn die Erneuerbaren nicht liefern können, muss es eine Mindestvergütung geben. Dann wird sich in der Ausschreibung der günstigste Bieter durchsetzen.
Ist Ministerin Katherina Reiche schuld an der Verzögerung, weil sie Robert Habecks Pläne verworfen und bei null angefangen hat?
Mein Eindruck: Im Ministerium wird mit Hochdruck gearbeitet. Nun muss Deutschland die Pläne noch bei der EU durchsetzen.
Grünstrom hat es gerade schwer, vor allem in den USA. Hat sich das Thema Klimaschutz erledigt?
Nein, die nächsten verheerenden Umweltereignisse werden es zurück auf die Agenda bringen. Der Strombedarf wächst, vor allem in den USA. Auch hier setzen die Tech-Konzerne weiter auf Grünstrom.
Wie geht es für RWE in den USA weiter? RWE hat sein Offshore-Projekt auf Eis gelegt.
Die Zeit der Unsicherheit ist vorbei, die USA fördern Erneuerbare und Speicher – abgesehen von Offshore-Projekten – weiter bis 2030. Auch die Zollunsicherheiten haben sich weitestgehend gelegt. Daher haben wir unsere Investitionen in den USA wieder aufgenommen. Rund 50 Prozent unserer Investitionen gehen in die USA, kein Markt wächst so dynamisch.
Stichwort Investition: Im schwarzroten Koalitionsvertrag heißt es, der erste Fusionsreaktor der Welt solle in Deutschland stehen. Ist RWE dabei?
Das ist grundsätzlich eine interessante Technologie. Und erstmals wird viel Geld in die weitere Entwicklung investiert – vor allem in den USA und in Deutschland. Wir bringen uns über unsere Standorte in Deutschland ein. In den 2030er-Jahren könnten wir die ersten Anlagen sehen, wenn der notwendige technische Fortschritt erreicht wird.
Andere Technik Atomkraft. Wie geht es mit den Mini-Meilern weiter?
Wir beobachten auch die Entwicklung im Bereich der Small Modular Reactor. Noch ist diese Technologie aber nicht wirtschaftlich. Eine Anwendung in Deutschland sehe ich allerdings nicht. Hier gibt es keine notwendige breite gesellschaftliche Akzeptanz für die Kernkraft.
Wie weit ist der Rückbau Ihres Atomkraftwerks Emsland 1?
Der Rückbau geht planmäßig und mit großen Schritten voran. Emsland wird nicht wieder in Betrieb gehen. In Deutschland hat sich die Kernkraft erledigt.
Nicht erledigt hat sich Amprion für Sie. RWE bleibt nun doch an dem Netzbetreiber beteiligt und hat den Investor Apollo an Bord genommen. Was haben Sie weiter vor?
Amprion hat ein attraktives Geschäft, wir wollen langfristig mit 25,1 Prozent beteiligt bleiben. Den großen Kapitalbedarf von Amprion, der mit dem Ausbau des Stromnetzes verbunden ist, decken wir nun gemeinsam mit unserem Partner Apollo, der 3,2 Milliarden Euro Kapital einbringt.
Ihr Vertrag wurde bis 2031 verlängert. Was haben Sie mit RWE noch vor?
RWE will bis 2030 rund 35 Milliarden Euro investieren. Die Stromnachfrage wird weltweit steigen. Wir haben daher auch in Zukunft noch viel vor.
© Rheinische Post Verlagsgesellschaft mbH. Alle Rechte vorbehalten. Das Interview führte Antje Höning.