Wie ein Kraftwerk Menschen und Lebenswege prägt

Erinnerungen aus Frimmersdorf

Die Zeit vergeht, doch Geschichten bleiben. Das alte Fotoalbum auf Paul Diestelhorsts Schoß ist mehr als eine Sammlung vergilbter Bilder – es ist ein Tor zu einer Ära, in der das Kraftwerk Frimmersdorf Stück für Stück entstand und Menschen wie Paul Teil eines großen Abenteuers waren. Generationen, Schicksale und Erinnerungen: In diesem Haus, nur anderthalb Kilometer vom Werk entfernt, lebt die Vergangenheit fort – lebendig, persönlich und nah.

Seite um Seite taucht man ein in die Geschichten, die Paul, 91 Jahre alt und RWE-Pensionär, bewahrt hat: Vom Bau des ehemals größten Kraftwerks Europas und den täglichen Herausforderungen bis zum erfüllten Familienleben und dem Abschied vom Werk.

Ein Haus voller Erinnerungen

Seite um Seite blättert Paul Diestelhorst durch das alte Fotoalbum. Seiten aus schwarzem Karton, die Ecken weich vom vielen Anfassen. „Guck“, sagt er und tippt mit dem Finger auf ein Schwarz-Weiß-Foto. „Das war ganz am Anfang.“ Paul ist 91 Jahre alt. RWE-Pensionär. Einer von ganz wenigen aus seiner Generation, die noch da sind. Kaum mehr eine Handvoll. Und einer, der das Kraftwerk Frimmersdorf nicht nur erlebt, sondern mit aufgebaut hat. Mit dem Kohleausstieg wird es nun Stück für Stück zurückgebaut. Ende Februar ist der Kühlturm Q gesprengt worden. 

Wir sitzen im Wohnzimmer. Die ganze Familie ist da. Kinder, Enkel, Urenkel, Schwiegertochter. Und mittendrin Paul und seine Frau Evi. Seit 65 Jahren verheiratet. „Wir sind bis heute ein Liebespaar“, sagt sie und ihre Augen strahlen wie damals mit 16. 

Paul ist nicht von hier. Geboren wurde er in Lauenstein bei Pyrmont, in Niedersachsen. Luftkurort, sagt er. „Ganz anders als hier.“ 1954 kommt er als Zimmermannsgeselle nach Frimmersdorf, damals gerade mal 19 Jahre alt. „Ich hab nur gehört: Da unten gibt’s Arbeit. Also hab ich mich in den Zug gesetzt und bin runtergefahren.“ 

Was er vorfand, war karg. Baracken. Matsch. Die Erft. Ein altes Werk. „Hier war ja noch gar nichts.“ Fachkräftemangel. Jede Hand wurde gebraucht, um das neue Kraftwerk aufzubauen. Müller, Bäcker, Schreiner, Schlosser. „Alles, was irgendwie handwerklich konnte, war willkommen.“ 

Zuerst schläft er mit 16 Mann in einem Waggon. Später in Baracken. Duschen? Gab’s nicht. Toiletten? „Ein Balken. Nebeneinander.“ Zweckmäßig, sagt Paul. Nicht schön, aber es ging. 

Gearbeitet wurde hart. Zehn, zwölf, vierzehn Stunden Schicht waren keine Seltenheit. Paul zeigt eine alte Stundenkarte von 1954. „Heute würde das keiner mehr glauben.“ Eunike, die Schwiegertochter und Betriebsrätin bei RWE, schüttelt den Kopf: „Da sag ich doch: So geht das nicht!“ Alle lachen. 

Am Anfang wird alles von Hand gemacht. Fundamente verschalen, Gerüste bauen, um das Turbinenhausdach einzuschalen. Kräne kommen erst nach und nach. Arbeitssicherheit auch. „Gehörschutz? Gab’s nicht. Schutzkleidung, um bei 80 Grad in den Kessel zu kriechen? Nur ’ne dicke Jacke!“, lacht Paul. 

Aber es gab Zusammenhalt unter den Kollegen. Auf alten Fotos stehen sie geschniegelt im Anzug. Stolz. Jung. „Das größte Kraftwerk Europas“, sagt Paul. „Darauf war man schon stolz.“ 

1961 ist Paul nicht mehr nur Monteur, sondern wechselt offiziell zu RWE. Er heiratet Evi und geht „aufs Werk“. Schichtdienst. Dreifach-, später vierfach-Schicht. 34 Jahre lang. „Ich konnte trotzdem immer gut schlafen“, sagt er. „Zur Not hab ich mich auf die Bohlen gelegt.“ 

Er fängt als Kraftwerker an, wird Leitstandfahrer, später Vorarbeiter. Arbeitet vor allem in den Blöcken Paula und Quelle. „Ich kannte jede kleinste Ecke.“ Rohrleitungen, Entaschungen, Entkalkungen. Wenn es irgendwo eine Störung gab, wusste Paul, wo er hinmusste. Der Kühlturm Q, der jetzt gesprengt wurde – das war „sein“ Turm. „Da kannte ich jeden Weg drin.“ 

Evi lernt er im Dorf kennen. „Die Monteure sind da“, hieß es damals. Es gab eine Gastwirtschaft, Reinhold. Freitags Kino, danach Tanz. „Da hab ich sie ausgeführt.“ 

Evi war 16 und in der Hauswirtschaftslehre. „Er war mir direkt sympathisch“, sagt sie. „Wir sind uns immer wieder über den Weg gelaufen. In der alten Kantine. Da gab’s auch Fernsehen, wenn Fußball lief.“

Dann kommen die Schützen. „Wenn du mit unserer Evi zusammen bist, dann komm doch mal mit.“ So lernt Paul das ganze Dorf kennen. 1967 werden sie sogar Schützenkönigspaar. „So war man dann irgendwann richtig drin.“

Paul bleibt trotzdem der Zugezogene. „Hier hieß ich immer: Brüggers Evi ihr Mann.“ In der alten Heimat bleibt er „Paulchen“. Auch noch mit 80. 

Der Abschied vom Kraftwerk

Als die Nachricht vom Rückbau des Kraftwerks kommt, ist es komisch. „Man ist ja damit verbunden.“ Schwiegertochter Eunike merkt sofort: „Das hört der Paul jetzt gar nicht gerne.“ 

Paul ist pragmatisch. „Was steht sonst 70 Jahre?“, sagt er. „Es kann ja nicht alles stehen bleiben. Dafür ist es nicht gebaut worden.“ Trotzdem tut es weh.   

Einen Tag vor der Sprengung dürfen Paul und Evi noch einmal zusammen mit Projektleiter Jörg Bauchmüller aufs Gelände. Noch einmal über die Baustelle gehen. Noch einmal zum Turm schauen. „Uns verabschieden“, sagt Paul. Kein großes Pathos. Einfach da sein. Gucken. Erinnern. 

Als der Kühlturm Q Ende Februar fällt, steht Paul am Feldrand. Neben ihm seine Familie. Kein Absperrband, kein großes Wort. Nur dieser Blick hinüber zu dem Kraftwerk, das ein halbes Leben lang seines war. Sie schauen gemeinsam zu, wie der Turm kippt, wie Beton und Geschichte in wenigen Sekunden in sich zusammensacken. 

Sein Rat an junge Leute? „Bleib flexibel. Ich hab drei Mal gelernt. Zimmermann, Einschaler, Kraftwerker. Nicht direkt aufgeben. Manchmal auch ’ne Faust in der Tasche machen.“ Und: „Das, womit man anfängt, muss nicht das Ende sein.“ Evi sagt: „Viel mit der Familie sein, zuhören und in Verbindung bleiben.“ Paul nickt. „So lange noch jemand da ist, der sich erinnert.“ 

Er schlägt das Fotoalbum zu. Draußen ist es ruhig. Das Kraftwerk ist weg – fast. Aber die Geschichten, die stehen noch. Und sie wohnen hier. Anderthalb Kilometer entfernt. In einem Haus voller Leben.

Zur Pressemitteilung zum Rückbau in Frimmersdorf geht es hier entlang.