ZEIT ONLINE vom 29.12.2021

"Wasserstoff muss künftig so verfügbar sein wie Leitungswasser"

Sopna Sury im Interview

Ohne Wasserstoff wird es mit der Energiewende nichts, sagt die erste RWE-Vorständin für Wasserstoff, Sopna Sury. Aber wo soll die ganze grüne Energie dafür herkommen?

Politiker und Unternehmen setzen große Hoffnung in grünen Wasserstoff, wenn es um die Frage geht, wie Deutschland klimaneutral werden kann. Doch Wassermoleküle mit Ökostrom in ihre Bestandteile zu zerlegen ist teuer, die Produktion steht ganz am Anfang. Die Energiewende könne aber nur gelingen, wenn Wasserstoff in großen Mengen verfügbar sei, sagt Sopna Sury, die beim Energiekonzern RWE die Wasserstoffstrategie verantwortet. Die Managerin warnt, dass Deutschland ohne große Infrastrukturvorhaben abgehängt werden könnte.

ZEIT ONLINE: Frau Sury, Sie sind seit knapp einem Jahr die erste Vorständin für Wasserstoff bei RWE und in Deutschland sogar die Einzige, die diesen Titel trägt. Der Kohlekonzern RWE setzt also sehr öffentlichkeitswirksam auf das Thema …

Sopna Sury: Ach, Sie sagen Kohlekonzern, aber das trifft es schon längst nicht mehr. Ich bin in diese Rolle gekommen, weil wir an Wasserstoff glauben – das ist kein Marketing-Gag. Im RWE-Konzern treiben 250 Menschen die Thematik voran. Wasserstoff ist kein Thema, das nebenher mitläuft, mit dem man experimentiert. Es ist ein ernsthaftes Geschäftsfeld.

ZEIT ONLINE: Es gibt aber einen enormen politischen und ökonomischen Druck auch durch die Finanzmärkte. Wie freiwillig ist das Engagement?

Sury: Es gibt Investoren, die sagen: Wir wollen unser Geld nur in Unternehmen stecken, die für die Energiewende und die Transformation stehen. Das hat nichts mit politischem Druck zu tun, sondern spiegelt den Wandel der Gesellschaft wider. Das Interesse an Klimaschutz hat sich in den vergangenen Jahren enorm erhöht. Investitionen der RWE in Onshore- und Offshore-Windparks haben jetzt Rückenwind. Mittlerweile sind die erneuerbaren Energien unser größter Wachstumsmotor. Von jedem Euro, den wir investieren, wollen wir 90 Cent in Onshore- und Offshore-Windanlagen, in Solar, in Batterien und perspektivisch in Wasserstoff investieren. Wenn Sie Ökostrom produzieren, ist der nächste Schritt, ihn einzusetzen, um grünen Wasserstoff zu produzieren, das ist die treibende Logik. Bei Wasserstoff verfolgen wir ein klares geschäftliches Kalkül.

ZEIT ONLINE: Dieser grüne Wasserstoff wird von einigen als "Champagner der Energiewende" bezeichnet. Ist er dann nicht viel zu kostbar und teuer, um großflächig zum Einsatz zu kommen?

Sury: Wir stehen bei der Produktion ganz am Anfang. Die Hersteller von Elektrolyseanlagen, in denen Wassermoleküle mit Ökostrom in Wasserstoff und Sauerstoff aufgespalten werden, fangen ganz klein an – entsprechend teuer ist es. Aber Wasserstoff muss künftig so verfügbar sein wie Leitungswasser. Anders wird es mit der Energiewende in Deutschland und in Europa nichts. Ende 2022 gehen die letzten Kernkraftwerke vom Netz und wir steigen auch noch in den kommenden Jahren aus der Kohle aus. Wir verlieren also einen elementaren Bestandteil der Energie- und Versorgungssicherheit. Wenn Ökostrom diese Lücke schließen soll, brauchen wir einen verlässlichen Speicher für ihn. Und das ist Wasserstoff.

ZEIT ONLINE: Aber wo soll die ganze grüne Energie dafür herkommen? Um ausreichend grünen Wasserstoff für ein Stahlwerk herzustellen, bräuchte man mehrere Tausend Windräder der größten Klasse.

Sury: Der Ausbau der erneuerbaren Energien muss an Fahrt gewinnen. Die Genehmigungsverfahren für Windanlagen müssen schneller werden – da ist auch der Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung deutlich. Windparks müssen schneller ans Netz gehen können. Und es geht um die Frage, wo Windräder und Solaranlagen stehen dürfen.

ZEIT ONLINE: RWE hätte doch eigentlich ausreichend Platz auf den renaturierten Flächen, wo man früher Kohle abgebaggert hat.

Sury: Es wäre schön, wenn wir da überall Ökostromanlagen bauen könnten, aber leider gehören uns viele dieser Flächen nicht mehr, viele davon sind schon an die Landwirtschaft zurückgegangen. Dennoch sehen wir auch im Rheinischen Revier Potenziale und gerade dort ist es wichtig, Flächen für die erneuerbaren Energien zu entwickeln, um den Strukturwandel zu begleiten. Es gibt bereits eine Reihe von Projekten, die wir in Kooperation mit Anliegerkommunen erfolgreich realisiert haben. Daran wollen wir anknüpfen und unsere Aktivitäten ausweiten.

"Grüner Wasserstoff wird wettbewerbsfähig werden"

ZEIT ONLINE: Sie haben ein klassisches Henne-Ei-Problem: Sie wollen Wasserstoff im großen Stil produzieren und verkaufen, haben aber noch keine Abnehmer. Auf der anderen Seite stehen die Stahlkonzerne, die ihre Produktionsprozesse auf Wasserstoff umstellen müssen, aber gar nicht wissen, wann Sie liefern können. Wie wollen Sie das lösen?

Sury: Es stimmt: Sie können nicht einfach anfangen zu produzieren, sich umdrehen und sagen: Huch, wer nimmt mir jetzt meinen Wasserstoff ab? Wir schauen uns deswegen die ganze Wertschöpfungskette an. Wir selbst produzieren den Ökostrom und stellen Wasserstoff her. Die Gasnetzbetreiber nehmen wir an Bord, damit sie uns helfen, den Wasserstoff zum Abnehmer zu liefern. Parallel laufen die kommerziellen Verhandlungen mit den Stahlerzeugern. Auch die wollen unbedingt ihre Klimaziele schaffen und das funktioniert nur mit Wasserstoff in ausreichender Menge.

ZEIT ONLINE: Wie stark übersteigt die Nachfrage Ihr bisheriges Angebot? Das ist noch winzig.

Sury: Es geht nicht darum, in Deutschland den gesamten Wasserstoff herzustellen, den die deutsche Industrie braucht. Schon heute sind wir abhängig von Importen von Gas und Öl aus Russland oder Saudi-Arabien. Auch Wasserstoff werden wir zukünftig zu 70 bis 80 Prozent importieren.

ZEIT ONLINE: Aber so tauschen wir nur eine fossile Abhängigkeit gegen eine grüne Abhängigkeit aus.

Sury: Was die fossilen Energieträger angeht, haben wir nur äußerst begrenzte Vorkommen, wir sind eben nicht Saudi-Arabien oder Russland. Bei den erneuerbaren Energien werden wir unsere maximale Flächenverfügbarkeit und Potenziale ausnutzen, das ist wichtig. Aber auch das wird nicht reichen, um den Bedarf zu decken.

ZEIT ONLINE: Aus welchen Ländern werden wir den Wasserstoff dann importieren?

Sury: Wir sollten vor allem Europa in den Blick nehmen. Neben Spanien und Portugal wegen viel Sonne und Wind ist auch Norwegen dank der Wasserkraft denkbar. Großbritannien und insbesondere Schottland haben große Offshore-Windvorhaben, und die liegen direkt vor unserer Haustür. Aber auch Märkte in Australien, Lateinamerika oder dem Nahen Osten sind sehr wettbewerbsfähig.

ZEIT ONLINE: Aber es ist doch eine irre Energieverschwendung, grünen Wasserstoff in Australien herzustellen und mit Schiffen nach Europa zu transportieren.

Sury: Es kommt darauf an, wie verfügbar Wasserstoff sein wird. Aber ja, der Wasserstoff aus Australien dürfte größtenteils in Asien bleiben, Japan wird einer der größten Konsumenten sein.

ZEIT ONLINE: Kann Deutschland im weltweiten Wettrennen um Wasserstoff überhaupt mithalten?

Sury: In Europa werden die Länder einen Vorteil haben, in denen die Wasserstofftanker anlanden können, also Spanien, Polen und die Niederlande. Deutschland gehört bislang leider nicht dazu, dabei braucht es hier eigentlich einen Wasserstoffhafen. Die Niederlande sind uns hier bei Infrastrukturvorhaben weit voraus. Sie planen zurzeit sogar eine große, staatlich finanzierte Wasserstoffautobahn, die den Wasserstoff vom Hafen Rotterdam bis nach Deutschland transportieren kann, weil auch hier viele Abnehmer sitzen.

ZEIT ONLINE: Wenn klar ist, dass Deutschland eh den Großteil des Wasserstoffs importieren muss: Warum startet RWE dann überhaupt mit einer heimischen Produktion?

Sury: Die Importe landen nicht Mitte der Zwanzigerjahre bei uns, die dafür nötige Transportinfrastruktur aufzubauen, braucht Investitionen und Zeit. Die Industrie muss aber heute entscheiden, ob sie sich von fossilen Brennstoffen verabschieden möchte und Milliarden in die Umstellung investiert. Deswegen ist es wichtig, dass wir in Deutschland Mengen herstellen, die relevant sind für ein Stahlunternehmen. Ohne Wasserstoff werden Unternehmen ihre Produktion ins Ausland verlagern und nicht mehr in Deutschland und Europa investieren – mit allen Konsequenzen für hiesige Arbeitsplätze. Das können wir uns nicht leisten, weder gesellschaftlich noch mit Blick auf den Wohlstand.

ZEIT ONLINE: Für die Unternehmen und am Ende auch für die Verbraucher wird es zweifelsohne teuer. Wie teuer wäre grüner RWE-Wasserstoff im Vergleich zu grauem Wasserstoff, den man aus fossilen Energieträgern gewinnt?

Sury: Grauer Wasserstoff kostet pro Kilogramm etwa 1,20 Euro. Grüner Wasserstoff wäre etwa viermal so teuer. Aber der Preisunterschied ist nicht die entscheidende Frage. Wir fragen auch nicht, ob wir Kohle- und Nukleartechnologie weiterlaufen lassen. Das Ziel ist Klimaneutralität. Grüner Wasserstoff wird wettbewerbsfähig werden. Dafür braucht es übergangsweise politische Unterstützung und eine Anschubfinanzierung. Und um die Wasserstoffwirtschaft überhaupt erst mal zum Laufen zu bringen, ist Pragmatismus vor allem bei den Grünstromkriterien nötig, die von der EU definiert werden und festlegen, welcher Strom für die Wasserstoffproduktion genutzt werden kann. Der Strom für die Elektrolyse kann nicht nur aus neuen Erneuerbaren-Anlagen kommen – sonst dauert der Aufbau viel zu lange und Europa und Deutschland verlieren im internationalen Wettbewerb. Nicht mehr geförderte Bestandsanlagen können helfen, Zeit zu überbrücken. Ohne sie verzögern sich Projekte um Jahre. Es liegt in der Hand der Europäischen Kommission, positive Rahmenbedingungen zu setzen. Sonst besteht die Gefahr, eine Wasserstoffwirtschaft zu ersticken, bevor sie überhaupt anfangen kann.

ZEIT ONLINE: Könnte es bald auf der Stromrechnung einen Wasserstoffcent geben, mit dem jeder Stromkunde diesen Aufbau mitfinanziert?

Sury: Wie die Finanzierung auf die heutigen Konsumenten umgelegt werden soll, ist eine politische Entscheidung. Heute bezahlen Verbraucherinnen und Verbraucher auch Transportgebühren für Erdgas, die der Netzbetreiber umlegt. Wenn mehr und mehr Gaspipelines Wasserstoff transportieren, werden die Erdgasnetze immer stärker umgewidmet, aber auch dann zahlen die Verbraucher.

 

Text von Lena Klimkeit und Marlies Uken, © ZEIT ONLINE GmbH. Alle Rechte vorbehalten.

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