Süddeutsche Zeitung vom 20.12.2023

„Die Energiewende ist nicht in Gefahr“

Markus Krebber

SZ: Herr Krebber, die Ampelregierung hat gerade die Haushaltskrise gelöst, aber es steht nun viel weniger Geld zur Verfügung. Ist die Energiewende so überhaupt zu schaffen?

Markus Krebber: Positiv ist, dass es eine Lösung gibt, dass die Verunsicherung beseitigt ist und sich die Regierung wieder mit den noch anstehenden Themen beschäftigen kann. Gut ist zudem, dass auch der Ausbau der Wasserstoffwirtschaft weiter unterstützt wird. Für die Stromkunden, ob private oder gewerbliche, ist aber der Wegfall der Netzentgeltzuschüsse schwierig, denn die versprochene Entlastung fällt weg, und damit wird Strom für viele teurer. Die Energiewende insgesamt ist aber nicht in Gefahr.

SZ: Trotzdem: Die Regierung hat jetzt weniger Fördergeld für die Energiewende übrig, oder?

Markus Krebber: Nur weil weniger Haushaltsmittel da sind, wird es insgesamt nicht teurer, am Ende muss immer einer bezahlen. In dem einen Modell der Energieverbraucher, indem anderen der Steuerzahler. Die beiden Gruppen sind nicht deckungsgleich, es geht also um den politischen Verteilmechanismus, aber das ist nicht mein Geschäft.

SZ: Ihr Geschäft ist es, wasserstofffähige Gaskraftwerke zu bauen, um die Versorgungssicherheit in Deutschland zu gewährleisten, wenn es nicht genug Sonne und Wind gibt. Dafür wollen Sie staatliche Unterstützung. Ist die in Gefahr?

Markus Krebber: Diese Vergütung muss ja nicht aus dem Haushalt kommen, die kann auch direkt auf die Energieverbraucher umgelegt werden. So ist das übrigens auch in anderen Ländern organisiert.

SZ: Wie gefördert wird, soll in der lange erwarteten Kraftwerksstrategie der Ampelregierung stehen. Haben Sie noch Hoffnung, dass die bald kommt?

Markus Krebber: Hoffnung muss man in unserem Geschäft immer haben. Ich rechne mit dem Konzept Anfang nächsten Jahres. Künftig wird die Stromerzeugung vor allem aus den Erneuerbaren kommen, aber es braucht immer auch Reserveleistung. Diese muss separat vergütet werden. In England zum Beispiel gibt es eine solche Vergütung für Kapazitätsbereitstellung, die liegt bei insgesamt 1,5 bis zwei Milliarden Pfund im Jahr.

SZ: Also bei bis zu 2,3 Milliarden Euro. Ohne neue Gaskraftwerke wird Deutschland nicht 2030 die Kohlekraftwerke abschalten können. Kommen die Anlagen schnell genug?

Markus Krebber: Wir planen bereits konkret wasserstofffähige Gaskraftwerke an mehreren Standorten in Deutschland, wir können aber erst bauen, wenn die Einzelheiten der Vergütung feststehen und die entsprechenden Ausschreibungen erfolgt sind. An uns wird es jedenfalls nicht scheitern, dass das alles bis 2030 klappt und der Kohleausstieg planmäßig umgesetzt wird.

SZ: Bundesfinanzminister Christian Lindner äußerte Zweifel daran, dass der Kohleausstieg bis 2030 gelingt. Sind Sie sicher, dass der Zeitplan zu halten ist?

Markus Krebber: Die Zukunft ist unsicher, und genau deshalb ist das Leben so spannend. Doch ich fände es absolut beschämend, sechs oder sieben Jahre im Voraus schon aufzugeben. Der Kohleausstieg wird gelingen, wenn jetzt schnell die richtigen Weichenstellungen vorgenommen werden.

SZ: RWE will bis 2030 etwa 55 Milliarden Euro in Ökostrom- und Gaskraftwerke investieren, davon nur elf Milliarden Euro in Deutschland. Warum nicht mehr?

Markus Krebber: Wir sind ein internationales Unternehmen, unsere wichtigsten Märkte sind Nordamerika, Großbritannien und die EU, damit Schwerpunkt in Deutschland. In Nordamerika ist die Stromnachfrage bis zu fünfmal größer, unsere Investitionen sind aber nur leicht höher als hierzulande. Deutschland ist also immer noch unser relevantester Markt.

SZ: Dumm nur, dass gerade in Deutschland der Ausbau regenerativer Energien bloß schleppend vorangeht ...

Markus Krebber: Nein. Windkraft auf dem Land, also onshore, und Solaranlagen – hier kommen wir viel besser voran. Die Genehmigungen erhalten wir deutlich schneller und einfacher. Die Anzahl der erteilten Genehmigungen hat sich verdrei- bis verfünffacht. Eine ganze Reihe von Dingen wurde vereinfacht, zum Beispiel hilft das Prinzip des überragenden Vorrangs des Ausbaus von Erneuerbaren. Wenn ich mir aber zwei Dinge wünschen darf: Manche Behörden brauchen noch mehr Personal. Auch eine durchgängige Digitalisierung der Genehmigungsprozesse bis zur Freigabe wäre sinnvoll, das würde Zeit und Arbeit sparen.

SZ: Es gibt aber regionale Unterschiede – in Süddeutschland ist der Ausbau erneuerbarer Energien langsamer.

Markus Krebber: Das stimmt. Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein sind schneller. Wenn alle in Deutschland so schnell genehmigen würden, wären wir auf einem guten Weg.

SZ: Ist es in Bayern besonders schleppend?

Markus Krebber: Bayern ist noch nicht da, wo es sein könnte, aber auch hier geht es schneller voran.

SZ: Warum fordern Sie nicht mehr Tempo von der bayerischen Regierung?

Markus Krebber: Sagen wir es so: Auch in Bayern sehen wir eine Dynamik. Aber selbst wenn wir in Bayern alles zubauen würden, was geht, würde es nicht reichen. Deshalb sind das größte Problem für den Süden die fehlenden Stromtrassen von Nord nach Süd, der Netzausbau muss beschleunigt werden.

SZ: Ein großes Problem sind die Schwierigkeiten der Windkraft-Ausrüster. Siemens Energy etwa braucht Staatshilfe.

Markus Krebber: Die staatlichen Garantien sorgen dafür, dass Siemens Energy weiter Neugeschäft machen kann. Das ist sehr im Interesse der Energiewende. Siemens Energy ist hierfür ein sehr relevantes Unternehmen.

SZ: Aber der Fall ist doch unglaublich, seit Jahren gibt es Krisen und Milliardenverluste. Sind Sie da nicht in Sorge?

Markus Krebber: Wir sind eher generell über die Zulieferer-Märkte in Summe als über einzelne Unternehmen in Sorge. Die Kapazitäten der Zulieferer für erneuerbare Energien, Speichertechnologien und den Netzausbau reichen in der westlichen Welt bei Weitem nicht aus. Wir brauchen dringend mehr Produktion für Solarpanel, für Batterien, für Windturbinen, Umspannwerke, Kabel, für nahezu alles. Man muss aufpassen, dass wir nicht dauerhaft in einseitige Abhängigkeiten etwa von China laufen.

SZ: Also besser zehn Milliarden Euro Staatsgeld in diese Industrien stecken als in neue Chipwerke?

Markus Krebber: Der Aufbau einer Chipindustrie ist ja durchaus sinnvoll. Aber man könnte den europäischen Zulieferern auch anders helfen, ohne Subventionen.

SZ: Wie denn?

Markus Krebber: Es könnten andere Rahmenbedingungen gesetzt werden. In den USA gibt es bei Ausschreibungen für Ökostrom-Projekte Anreize für lokale Produktion. Das ist ein sinnvoller Weg, zu diversifizieren und Abhängigkeiten zu vermeiden. Solche Vorgaben gibt es aber in Europa bisher nicht.

SZ: RWE dürfte dann einen Solarpark in Deutschland nur bauen, wenn bestimmte Teile von heimischen Herstellern stammen – auch wenn die teurer sind. Die höheren Kosten bleiben doch am Ende beim Stromkunden hängen, oder?

Markus Krebber: Ja, das ist die Kehrseite, um Abhängigkeiten zu vermeiden. Man sieht das in den USA. Solarpanels in den USA sind weltweit am teuersten, weil die Einfuhrbedingungen restriktiv sind und zunehmend lokal produziert werden soll. Das macht Solarstrom ein wenig teurer, schafft aber auch Jobs in dem Land.

SZ: In Deutschland sind die Strompreise 2022 kräftig gestiegen. Zugleich fährt RWE Rekordgewinne ein. Sind Sie ein Krisengewinnler?

Markus Krebber: Das sehe ich nicht so, RWE profitiert nicht von der Energiekrise. Die hat am härtesten in Deutschland zugeschlagen, und Deutschland ist unser einziges Geschäftsgebiet, wo die Ergebnisse nicht gestiegen sind. Unsere hohen Gewinne sind Folge davon, dass wir international allein in den vergangenen drei Jahren 20 Milliarden Euro investiert haben. Wenn man so viel in neue Anlagen investiert, muss man auch mehr Gewinn erwirtschaften. Ansonsten würden uns die Investoren aufs Dach steigen.

SZ: Wie wird sich der Strompreis in den kommenden Jahren entwickeln?

Markus Krebber: Ich glaube, dass er auf dem jetzigen Preisniveau bleiben wird, zumindest wenn es keine weiteren geopolitischen Krisen gibt. Aber ich rede von den Erzeugungskosten; entscheidend wird sein, wie sich Netzentgelte, Steuern und Umlagen entwickeln.

SZ: Die sollen ja steigen. Strom war in Deutschland schon vor Ausbruch des Ukraine-Kriegs teuer im Vergleich zu anderen Staaten. Wieso eigentlich?

Markus Krebber: Der Wegfall günstiger russischer Gaslieferungen war nur der letzte Rest, der das Problem verschärft hat. Das Grundproblem ist: Deutschland hat über viele Jahre hinweg zu wenig in die Stromversorgung investiert. Wir führen seit zwanzig Jahren Abschaltdebatten und haben dann auch konsequent alle Kernkraftwerke abgeschaltet. Das Gleiche gilt für die Kohleverstromung. Aber es wurde versäumt, genug neue Erzeugungsanlagen zu bauen und das Netz zu erweitern. Unser Land muss das Stromangebot erhöhen. Doch das hätte Deutschland mit seinen energieintensiven Industrien besser vor zehn Jahren oder noch früher anstoßen sollen. Wir selbst haben statt der Kohleausstiegsdiskussion immer eine Erneuerbaren-Ausbau-Diskussion gefordert. Die Lehre muss sein: erst neu bauen, dann abschalten.

SZ: Sie sagen, Deutschland hat zu wenig in den Ersatz für Kern- und Kohlekraftwerke investiert. Aber Stromkunden haben doch seit dem Jahr 2000 zig Milliarden Euro Ökostrom-Umlage gezahlt. Warum wurden trotzdem zu wenige Solar- und Windparks gebaut?

Markus Krebber: Ja, es wurde schon ziemlich viel Geld ausgegeben. Aber sehr viel wurde eben recht früh investiert, als die Technologien noch sehr jung und damit sehr teuer waren. Im letzten Jahrzehnt hingegen wurde nur noch wenig hinzugebaut, obwohl die Technologien da reifer waren und billiger wurden. Mit den frühen Investitionen haben wir immerhin der Welt einen großen Dienst erwiesen.

SZ: Wie meinen Sie das?

Markus Krebber: Da in Deutschland am Anfang unglaublich viel gebaut wurde, konnten die Hersteller mehr fertigen und so die Kosten senken. Wir haben also schon investiert, als die Branche noch ihre Lernkurve vor sich hatte und alles teurer war. Wer später mit dem Ausbau der Erneuerbaren begann, hat davon profitiert. Deutschland sollte hieraus Lehren ziehen für den Aufbau der Wasserstoffwirtschaft: Bei Elektrolyseuren wird es noch wahnsinnige Fortschritte geben, da sollte man jetzt, in der frühen Phase, mit Augenmaß investieren und nichts überstürzen.

SZ: Ärger über die hohen Energiepreise sind auch ein Grund für die Wahlerfolge der AfD. Christian Kullmann, Chef des Chemiekonzerns Evonik, fordert, dass deutsche Manager deutlich vor der Partei warnen sollten. Wie stehen Sie dazu?

Markus Krebber: Ich halte das Wirtschaftsprogramm und allgemein das Parteiprogramm der AfD für alles andere als gut. Aber ich sehe es nicht als Aufgabe von Unternehmen an, den Bürgern Vorgaben zu machen, welche in demokratischen Wahlen zugelassenen Parteien gewählt werden sollen und welche nicht. Solche Appelle würden bei den AfD-Wählern ohnehin nicht ankommen. Stattdessen sollten wir uns intensiver mit den wirklichen Beweggründen der AfD-Wähler und ihren Problemen auseinandersetzen und bessere Lösungen anbieten.

Interview: Caspar Busse & Björn Finke, © Süddeutsche Zeitung GmbH. Alle Rechte vorbehalten.

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